Sport : „… dann stirbt ein Stück Damentennis“

Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner über ihre Angst um die German Open

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Frau Rittner, der frühere Bundestrainer Klaus Hofsäß hat unlängst gesagt, das deutsche Damentennis befände sich unterhalb der Grasnarbe. Wie lebt es sich dort?

Ganz gut. Von dort aus guckt man ins Licht. Wenn man ganz unten ist, kann man nicht mehr tiefer fallen.

Fanden Sie die Äußerung des ehemaligen Bundestrainers nicht etwas überzogen?

Natürlich, aber nach außen wirkt es vielleicht tatsächlich so. Keine Übertragungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die beste Deutsche ist ungefähr Nummer 40 der Welt, dann eine auf Rang 70, und die nächste steht noch nicht einmal unter den ersten Hundert. Aber man muss auch die Entwicklung sehen. Anna-Lena Grönefeld ist auf dem Weg nach vorne, Julia Schruff auch. Und wir haben ein paar junge Spielerinnen, die in die gleiche Richtung gehen. Deswegen haben wir den Tiefpunkt bereits hinter uns.

Welche Rolle spielen in dieser Situation die German Open in Berlin, die am Montag beginnen?

Es ist das letzte Damenturnier, das wir haben, und wir müssen mit aller Macht versuchen, es in Deutschland zu halten. Für mich war Berlin immer ein absolutes Highlight, ich bin immer gerne hier. Von mir aus könnte das Turnier vier Wochen dauern. Ich werde ja auch am kommenden Samstag in Berlin offiziell verabschiedet. Wenn das Turnier weggeht, stirbt ein Stück deutsches Damentennis. Ich darf gar nicht daran denken, sonst werde ich wütend.

In diesem Jahr ist das Turnier in Berlin geblieben, allerdings heißt es nun „Katar Total German Open“ und wird vom katarischen Tennisverband veranstaltet.

Wenn man das Turnier für über sechs Millionen Euro verkauft und dadurch aus den Miesen raus ist, ist das etwas Schönes für den Deutschen Tennis Bund. Aber das hilft dem Damentennis nicht weiter. Die Katarer haben gesagt, sie behalten das Turnier, und es bleibt trotzdem in Berlin. Das wäre okay.

Wirkt ein orientalisches Schloss im Grunewald nicht etwas befremdlich?

Man muss erst einmal sehen, wie das läuft, wenn der katarische Tennisverband das Sagen hat. Man muss sehen, wie sich das anfühlt.

Der Präsident des katarischen Tennisverbandes, Scheich Mohammed Bin Faleh Al-Thani, hat beschlossen, dass der deutsche Verband alle Wild Cards bekommt. Das dürfte sich doch ganz gut anfühlen?

Ja, und ich werde mich dafür noch einmal persönlich beim Scheich bedanken. Er wollte das gesamte deutsche Fed-Cup- Team im Turnier haben, das gegen Indonesien 4:1 gewonnen hat. Vielleicht hat er ein paar positive Schlagzeilen über uns gelesen. Ich habe am Mittwoch Anca Barna und Sandra Klösel angerufen und ihnen gesagt, dass sie in Berlin im Hauptfeld stehen. Die sind fast durchs Telefon gesprungen vor Freude. Auch Julia Schruff hat es verdient. Nur für Martina Müller, die nicht im Fed-Cup gespielt hat und deshalb keine Wild Card bekommt, tut es mir ein bisschen leid. Sie hatte in den letzten Wochen tolle Erfolge auf Sand.

Passt es in Ihren Plan, dass das Fed-Cup- Team schon wieder zusammenkommt?

Ja, ich möchte, dass das Team eine verschworene Gemeinschaft wird. Wie die Schweden und Spanier, die sitzen bei Turnieren auch immer an einem Tisch. Bei den Australian Open war das bei uns schon ähnlich. Da habe ich gesagt, wir gehen abends essen, wer hat Lust mitzugehen? Das ist am Anfang Arbeit, du musst jeden anrufen. Aber am Ende waren von zehn Spielerinnen acht da, wir hatten einen Riesenspaß und alle haben gesagt: Ist ja geil, man ist nicht so alleine und hat Spaß. Am Dienstag gehen wir in Berlin wieder essen.

Ist das Team also schon eine verschworene Gemeinschaft?

Wir sind auf dem Weg dahin. Es gab in der Vergangenheit ja einige Probleme, aber das ist ein Erfolg, den ich habe. Dass ich durch viele offene Gespräche und Telefonate zum Beispiel Anca Barna wieder in das Fed-Cup-Team zurückholen konnte.

Warum kam Klaus Eberhard als Fed-Cup-Teamchef nicht zurecht?

Ich glaube, dass es ein Riesenvorteil für mich ist, dass ich eine Frau bin. Ich weiß, wie Frauen ticken. Männer gehen anders mit Kritik um, die kommen vom Platz und du kannst sie sofort kritisieren. Frauen musst du erst mal in Ruhe lassen. Außerdem ist in der Vergangenheit im DTB einfach viel zu wenig geredet worden

Mit welchem Konzept haben Sie den DTB überzeugt?

Wir haben schon genug Konzepte in Deutschland. Wichtig ist, dass die jungen Spielerinnen miteinander trainieren und sich in einem gesunden Konkurrenzkampf gegenseitig nach vorne ziehen.

Sie haben nur einen Vertrag über 60 Tage pro Jahr und arbeiten im Nachwuchsbereich gegenwärtig ohne Vertrag. Spiegelt sich da der Stellenwert des Damentennis im DTB wider?

Ich glaube schon. Herrentennis liegt klar an erster Stelle, Damentennis lief zuletzt so nebenher. Wenn wir im vergangenen Jahr abgestiegen wären, wäre es wahrscheinlich auch nicht so tragisch gewesen. Wahrscheinlich hat man bei dem Vertrag gedacht, wir warten mal ab, wie es die Rittner macht. Ich glaube, dass einige mich nicht wirklich für voll genommen haben. Und die musste ich erst vom Gegenteil überzeugen.

Ist es Ihnen gelungen?

Inzwischen höre ich, dass man es gut findet, wie ich es mache. Die merken, jetzt kommt die Rittner und will auch noch was bewegen. Ich stehe denen auf den Füßen und nerve. Manchmal habe ich das Gefühl, dass man alle ein bisschen schütteln und aufwecken muss. So nach dem Motto: Hallo, da ist noch etwas – Damentennis.

Das Gespräch führte Benedikt Voigt.

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