0:1 gegen Stuttgart : Hertha BSC: Das Tor schießen die anderen

Ein Tor hätte Hertha gereicht, um vom letzten Platz wegzukommen. Doch es fällt auf der anderen Seite: Cacau trifft für Stuttgart. Die Berliner verlieren 0:1. "Das ist nicht nur Pech", sagt Verteidiger Steve von Bergen.

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leere Ostkurve im Olympiastadion
Die Ostkurve blieb leer. Viele Hertha-Fans mussten in die Waldbühne ausweichen.Foto: dpa

Ein Tor! Ein einziges Tor! Etwas mehr als eine Viertelstunde war gegen den VfB Stuttgart noch zu spielen, und nur noch ein Tor fehlte dem Tabellenletzten Hertha BSC zu diesem Zeitpunkt, um auf jenen Rang vorzurücken, den die Berliner als neues Ziel ihrer Träume ausgemacht haben: Platz 16 und die Berechtigung zu zwei Relegationsspielen um den Verbleib in der Fußball-Bundesliga. So nah waren die Berliner dem Wunder lange nicht. Doch näher sollten sie ihm auch nicht mehr kommen. Eine Viertelstunde vor Schluss traf der Stuttgarter Cacau mit einem von Steve von Bergen abgefälschten Schuss zum 1:0. Dabei blieb es. Und weil Hannover gegen Schalke gewann, ist Hertha dem Abstieg wieder ein Stück näher gekommen. Aus zwei Punkten Rückstand auf Platz 16 sind wieder fünf geworden.

Vor 19 Jahren hat der VfB zuletzt in Berlin gewonnen – in der Saison, an deren Ende Hertha aus der Bundesliga abgestiegen ist. Das könnte sich in wenigen Wochen wiederholen. „Wir haben uns noch nicht abgeschrieben“, sagte Trainer Friedhelm Funkel. „Es sind noch zwölf Punkte zu vergeben. Davon werden wir einige holen.“ Wer glaubt ihm eigentlich noch? Unter Funkel hat Hertha kein einziges Heimspiel gewonnen, in der Rückrunde bei sieben Begegungen gerade zwei Tore erzielt. „Das ist nicht nur Pech“, sagte Steve von Bergen. „Es hat wieder was gefehlt. Wir müssen zu Hause noch mehr machen.“

Eigentlich sollte es ein besonderes Spiel für Hertha werden. Das war es in der Tat – durch die äußeren Umstände: Die Ostkurve blieb leer und war nur mit einer riesigen Hertha-Fahne und einem ebenso großen Berlin-Wappen notdürftig aufgehübscht. Umso mehr kam es auf die Unterstützung der restlichen Zuschauer an. Vor dem Anpfiff gab der Stadionsprecher eine kurze Einführung in die üblichen Anfeuerungsrufe: „Ha ho he…“ - „… Hertha BSC!“ Klappte, kurz vor Anpfiff sogar erstmals ohne Anleitung, und auch sonst mühten sich die 25.000, das Fehlen der Vorsinger zu kompensieren.

Aus Solidarität schwiegen auch die Stuttgarter Fans eine Viertelstunde lang. Die Zeit war gerade um, da bot sich dem VfB die erste Chance. Pawel Pogrebnjak setzte eine Hereingabe von Ciprian Marica knapp am Tor vorbei. Die Berliner brauchten eine gute halbe Stunde für ihre erste gefährliche Situation. Jens Lehmann lenkte einen Dropkick von Lewan Kobiaschwili zur Ecke. Eine weitere gute Gelegenheit hatte zuvor Thomas Frank vereitelt. Der ist Linienrichter – und hob bei einem Pass auf Theofanis Gekas seine Fahne. Der Grieche stand nicht im Abseits und wäre allein auf Lehmann zugelaufen.

Herthas Trainer Funkel hatte dieselben elf Spieler aufgeboten wie vor einer Woche in Köln, die Stuttgarter machten es den Berlinern jedoch ungleich schwerer als die Kölner. Dass es trotzdem ein ausgeglichenes Spiel war, spricht nicht gegen den Tabellenletzten. Gut mitspielen reicht aber nicht, wenn man unbedingt gewinnen muss. Zumal wenn Hannover auch noch überraschend 2:0 gegen Schalke führt. Die Nachricht wurde den Zuschauern im Olympiastadion bis zur Pause vorenthalten, die Spieler erfuhren sie gar nicht, aber zumindest zu Beginn der zweiten Hälfte traten sie so auf, als ob sie den Ernst ihrer Lage endlich verstanden hätten. Nach einer guten Kombination kam Gekas im Strafraum zum Schuss. Lehmann hatte mit seinem Abschluss allerdings keine große Mühe. „Die letzte Entscheidung war nicht immer die richtige“, klagte Fabian Lustenberger.

Dass Stuttgarts Trainer Christian Gross nach einer Stunde Ciprian Marica vom Feld holte und dafür den deutschen Nationalstürmer Cacau einwechselte, war aus Stuttgarter Sicht jedenfalls genau die richtige Entscheidung. „Mit ihm kam mehr Leben, Schnelligkeit, Inspiration in unser Angriffsspiel“, sagte Gross. So wie vor dem 1:0, das seinen Anfang in einem Fehlpass des schwachen Lukasz Piszczek am Stuttgarter Strafraum nahm. Die Szene sagte einiges über die mangelnde Entschlossenheit der Berliner, wirklich das Letzte aus sich herauszuholen.

Diese Fähigkeit wird Herthas Spielern von ihrem Trainer aber auch nicht unbedingt vorgelebt. Anstatt Mitte der zweiten Halbzeit, als es noch 0:0 stand, entschlossen auf Sieg einzuwechseln, brachte Funkel zwei Mittelfeldspieler: erst Florian Kringe, der gleich eine Gelegenheit von Adrian Ramos einleitete, danach Pal Dardai – für Kringe, der sich bei seiner Vorarbeit für Ramos am Fuß verletzt hatte. Der Mittelfeldspieler musste nach nur zwei Minuten schon wieder vom Platz und saß nach seiner Auswechslung weinend auf der Bank. Es waren Tränen des Schmerzes, aber auch der Trauer. Ob Florian Kringe noch einmal in der Ersten Liga für Hertha spielen wird, ist seit gestern mehr als fraglich.

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