Sport : 0:2 und nach Hause

Tschechien scheidet nach der Niederlage gegen Italien überraschend bereits in der Vorrunde aus

Armin Lehmann[Hamburg]

Kurz vor dem Ende der ersten Halbzeit war Milan Baros ganz allein. Kein Mitspieler weit und breit, der dem mal wieder von Italienern umzingelten tschechischen Stürmer hätte zur Hilfe eilen können. 0:1 stand es zu diesem Zeitpunkt, und die Tschechen hätten die Pause vielleicht nutzen können, um ein paar Dinge zu ändern. Doch dann ritt Jan Polak irgendein Teufelchen, und er fuhr Francesco Totti von hinten in die Beine. Gelb-Rot und Rückstand gegen ein italienisches Team, das mit dem alten Catenaccio flirtete und hinten sicher stand – da war auch in Halbzeit zwei nichts mehr zu machen. „Trotz unserer besten Vorsätze“, wie Tomas Rosicky beteuerte, endete dieses letzte Gruppenspiel der Tschechen 0:2 (0:1). Hinterher war ihnen vor lauter Unglück so, als hätte es am Anfang nie ein 3:0 über die USA gegeben, als sei dies nur ein schöner Traum gewesen, der sie in Sicherheit wiegen und ihnen suggerieren sollte, dass sie etwas Großes zustande bringen könnten bei dieser WM. Jetzt sind sie draußen, andere träumen weiter.

Manchmal kann man sich die Vorbilder im Leben aussuchen, und die Mannschaft von Trainer Brückner hatte die Wahl zwischen Gut und Böse, zwischen dem USA-Spiel und dem 0:2 gegen Ghana. Man wird wohl Psychologen bemühen müssen, um zu klären, warum sich die Tschechen ausgerechnet ihre Niederlage zum Vorbild nahmen. Sogar einen Platzverweis erbettelten sie sich erneut.

Wie gegen Ghana begannen die Tschechen mit viel Elan und erspielten sich auch einige Chancen, meist durch Schüsse des starken Pavel Nedved. Trainer Brückner war sogar das Risiko eingegangen und hatte den lange verletzten Milan Baros in Ermangelung anderer gefährlicher Stürmer aufgestellt. So konnten die Tschechen das System spielen, von dem Brückner sagt, dass es ihnen liegt. Mit einer Spitze, einem dichten Mittelfeld, kompakter Abwehr, schnellem Umschalten von hinten nach vorne. So weit die Theorie. Die Praxis ergab wie schon gegen Ghana viel zu offene Räume und zu wenige Anspielstationen vorne.

Schon die Ghanaer hatten die Schwächen der tschechischen Abwehr offen gelegt und immer wieder lange Bälle gespielt. Italien tat es ihnen gleich, dichtete erst einmal hinten alle Räume ab, dann wagte es den präzisen Pass. Der einzige Stürmer, Alberto Gilardino, brachte die gegnerische Innenverteidigung häufig in Schwierigkeiten. Neben Baros hatte Brückner für den gesperrten Tomas Ujfalusi Radoslav Kovac gebracht, der sich als Risikofaktor erwies. Als Francesco Totti mal wieder steil auf Gilardino gespielt hatte, konnte Kovac gerade noch klären. Die folgende Ecke von Totti köpfte der für den verletzten Nesta eingewechselte Materazzi zum 1:0 ein.

„Es war wieder ein frühes Tor, wir waren wieder zu unkonzentriert“, haderte Tomas Rosicky und fand, dass „wir nach vorne gar nicht so schlecht waren“. Auf den ersten Blick mag das stimmen, doch effizienter waren die Italiener, die sich auf uralte Tugenden besannen. Vor dem Spiel hatte Kapitän Fabio Cannavaro öffentlich erklärt, „man sollte unsere italienische DNA nicht verachten“. Was er meinte war: Bei einer WM sollte man die Schönspielerei lassen, hinten dicht stehen und dann, „zack“, wie Cannavaro es ausdrückte, „1:0 und nach Hause“.

Nach Hause müssen nun die Tschechen, die vor der WM als Geheimfavoriten gehandelt worden waren. In der zweiten Hälfte hatte die Goldene Generation um ihren Anführer Nedved bei ihrem wohl letzten großen gemeinsamen Auftritt zwar weitere Chancen, aber das lag daran, dass die Italiener jetzt den Nachweis erbringen wollten, das schöne Spiel ebenfalls zu beherrschen. Den Raum, den zehn Tschechen offen ließen, nutzten die Italiener nur bis zum Strafraum aus. Dann wollten sie den Ball ins Tor zaubern, Totti lässig auf Perrotta, der, anstatt selbst zu schießen, lässig weiter auf Inzaghi und der wiederum lässig am Tor vorbei.

Pavel Nedved mühte sich auf der anderen Seite wie immer redlich, ackerte hier, rackerte dort, schoss, aber es war nichts zu machen an diesem Tag, an dem man noch nicht erfuhr, ob der große Star des tschechischen Fußballs seine Karriere fortsetzen wird. Fragen nach seiner Zukunft beantworte Nedved nicht, dafür saß der Schmerz zu tief, den Inzaghi noch verstärkt hatte, als er nach Pass von Zambrotta kurz vor Schluss das 2:0 erzielte. Es schien, als habe Italien sich diesen Treffer nur deshalb so lange aufgehoben, um den Tschechen noch mehr von diesen furchtbaren Parallelen zum Ghana-Spiel aufzubürden. Die tschechischen Fans rafften sich trotzdem tapfer zu einem Schlussapplaus auf, und die Spieler winkten traurig zurück. Am längsten winkte Pavel Nedved. Es sah verdächtig nach Abschied aus.

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