Sport : 1. FC Kaiserslautern: Glücksritter aus der Pfalz

Martin Hägele

Es ist schön, wenn man in der Bundesliga so ehrliche Menschen findet wie Hany Ramzy aus Ägypten. Der Mann ist ungemein fleißig, ständig auf Achse und hat in seinem Doppeljob beim 1. FC Kaiserslautern und für die Nationalauswahl seines Landes zum letzten Mal vor drei Jahren richtig Ferien gemacht. Im abgelaufenen Arbeitsjahr gönnte er sich gerade mal vier Tage. So einer gilt in Deutschland als vorbildlicher Ausländer. Selbst dass ihn die Mädchen und Frauen in der Wahlheimat anhimmeln wie einen Prinzen aus dem Morgenland hat am Sonntagabend niemanden gestört; der komplette Kaiserslauterner Anhang lag ihm zu Füßen - ohne Rücksicht auf das Geschlecht. Ramzys Sonntagsschuss in der 94. Minute hatte die Tabellenführung des 1. FCK verteidigt und für ein paar Tage den Ärger und Sorgen aus der Stadt vertrieben. Der Held aber gab das Geheimnis um diesen wunderschönen Moment preis: "Ich habe gar nichts gesehen, als ich schoss. Ich dachte, der Ball fliegt vorbei."

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Online-Umfrage: Gucken Sie Bundesliga zukünftig lieber auf Premiere? Jörg Stiel dachte etwas ganz anderes, als der Ball an ihm vorbeiflog. Der Mann ist aus der Schweiz gekommen, war dort für seine offenen Worte gefürchtet und steht seit zwei Wochen bei Borussia Mönchengladbach im Tor: "Wenn ich ein Spiel so verliere, dann ist das scheiße..." Für diesen Ausdruck hat der Eidgenosse an allen möglichen Stammtischen Verständnis gefunden. Der Torwart kann sich seinen Frust ja kaum so von der Seele schreiben wie der Autor der Internetseite "Torfabrik": "Nicht nur die ruhmreichen Bayern dürfen so lange spielen, bis sie noch ein Tor schießen. Auch der 1. FC Kaiserslautern kam in den Genuss der ominösen 94. Spielminute, obwohl eigentlich nur zwei Minuten Nachspielzeit vom Schiedsrichter signalisiert wurden."

Zum Glück besitzen die Borussen einen ehemaligen Pädagogen als Trainer, der auch einen sportlichen Schicksalsschlag rhetorisch auf den Punkt bringen kann. "Ich werde es überleben," sagte Hans Meyer, "mir tut es nur um die Jungs leid." Der 58-Jährige trainiert zwar mit einer Mischung aus Gefühl und modernen Methoden, allerdings blieb in diesem Augenblick auch nicht verborgen, was ihm wohl durch den Kopf ging. Am besten lernt man eben doch, wenn es mal richtig weh tut. In der Euphorie über die 2:0-Führung durch Arie van Lent hatten die Gladbacher nach dem Dusel-Treffer Mario Baslers von Minute zu Minute mehr die Ordnung verloren. Erst recht nach dem Strafstoß von Harry Koch zum 2:2-Ausgleich.

Was lernen die Glücksritter aus Kaiserslautern aus ihrer Heim-Premiere? Dass die Gesetze des Betzenbergs immer noch gelten - trotz sechs Heimniederlagen in der vorigen Saison. Andreas Brehme hat lange genug selbst in dieser Arena gekickt, der junge Coach wusste genau, bei wem er sich zuerst bedanken musste, nachdem er "nach diesem totalen Wahnsinn" Sprache und Konzentration wiedergefunden hatte. Er wolle nicht um den heißen Brei herumreden, sagte Brehme, "aber ich bin stolz, wie die Fans nach dem 0:2 zu uns gestanden haben".

Der heiße Brei köchelt trotzdem weiter, und es ist auch immer noch offen, wer sich beim Thema Youri Djorkaeff die Zunge verbrennt. Die Fragen nach dem Welt- und Europameister waren nämlich durchaus legitim, denn vom brasilianischen Jung-Regisseur Lincoln ging wenig Inspiration aus. Immer unglaubwürdiger wird die Floskel vom Trainings-Rückstand des Franzosen. Manche halten es für Anmaßung oder eigensinnige Rache, die der Vorstandsvorsitzende Jürgen Friedrich sowie das Trainergespann Brehme/Stumpf dem als "Schlange" gestempelten Djorkaeff gegenüber ausleben, indem sie ihn sogar von der Ersatzbank verbannen. Ohne den Zankapfel Djorkaeff wirkte das Pfälzer Offensivspiel plump und berechenbar. Kreativität? Mehr als ein Fremdwort beim Zufalls-Tabellenführer.

Ob er nicht um Djorkaeff trauere, der immer noch nicht richtig fit sei, ist Mario Basler gefragt worden. Dessen Antwort: "Wir haben 3:2 gewonnen." So kann man das sehen, und so wird man dies auch in den nächsten Wochen sehen. In anderer Hinsicht aber hat der Trainer gewiss recht: "Wir dürfen nicht in rosarote Zeiten verfallen und glauben, wir sind wieder die Größten." Denn das sind Basler und seine Freunde noch lange nicht. Schon am Samstag prüfen die Konterspezialisten vom 1. FC Köln die Stabilität der Festung Betzenberg.

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