Sport : 1. FC Köln - Hertha BSC: Einmal Kölner, immer Kölner

Stefan Hermanns

Dirk Lottner hat am Mittwoch eine schwere Entscheidung getroffen. Er hat ein Haus gekauft, in Kürze zieht er mit seiner Familie um. Von Zollstock nach Rondorf. Von einem Kölner Stadtteil in den anderen. Für Dirk Lottner vom 1. FC Köln, dem heutigen Gegner von Hertha BSC, ist das ein großer Schritt. Ihn als bodenständig zu bezeichnen, wäre grob untertrieben.

Köln-Zollstock ist keine Schönheit. Ein Arbeiterviertel mit grauen Hochhäusern. Dirk Lottner würde gerne bleiben, aber in Zollstock ein Einfamilienhaus zu suchen, das ist so, als würde man im Beate-Uhse-Shop nach Stützstrumpfhosen fragen. Nur gut, dass es bis Zollstock nicht so weit ist. Von Rondorf fünf Minuten mit dem Auto.

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Seit zehn Jahren lebt Dirk Lottner vom professionellen Fußballspielen, und irgendwie hat er es in dieser Zeit geschafft, Zollstock nie zu verlassen. Von der kleinen Fortuna aus der Kölner Südstadt wechselte er 1997 zu Bayer Leverkusen in die Bundesliga. Lottner hatte nicht immer Glück in dieser Zeit, wurde zweimal am Knie operiert, und als es bei Bayer nicht besonders gut lief, "saß ich als Zweitligaspieler als Erster wieder draußen". Es gab einige Angebote aus der Bundesliga, sagt er. Und eins vom 1. FC Köln. Der war gerade abgestiegen und erlebte in der Zweiten Liga unter dem ewig mürrischen Trainer Bernd Schuster das vermutlich grausamste Jahr seiner Vereinsgeschichte. Lottner ging trotzdem zum FC. Der Zweitligaspieler war wieder zu Hause.

Wenn der 1. FC Köln seine Heimspiele bestreitet, heißt der Stadionsprecher die auswärtigen Gäste "willkommen in der schönsten Stadt Deutschlands". Das ist nicht anmaßend gemeint. Der Kölner glaubt das wirklich. Der Berliner mag seine Stadt für die aufregendste in Deutschland halten, der Hamburger Hamburg für die schickste. Der Kölner aber liebt seine Stadt. "Das trifft für mich genauso zu", sagt Dirk Lottner. Was ist an Köln liebenswert? "Die ganze Mentalität", sagt Lottner, "dass die Menschen immer fröhlich sind." Und das nicht nur, wenn im Kalender "Rosenmontag" steht. Doch diese kölsche Mentalität ist dem 1. FC Köln zum Verhängnis geworden. Irgendwann hätt et nämlich nicht mehr joot jejange.

Am 9. Mai 1998 bestritt der 1. FC Köln nach 35 Jahren sein letztes Bundesligaspiel. Theoretisch hätten die Kölner mit einem hohen Sieg gegen Bayer Leverkusen den Abstieg noch verhindern können. Sie führten schnell 2:0, doch die Ergebnisse von den anderen Plätzen zerstörten alle Hoffnungen. Als Köln aufgab, kam Leverkusen noch zum Ausgleich. Das 2:2 erzielte Lottner. "Im Nachhinein bin ich froh, dass dieses Tor keine Rolle mehr gespielt hat", sagt er. Man müsste sich das vorstellen: Ne echte kölsche Jong schießt den FC in die Zweite Liga.

Stattdessen wird er jetzt als "Aufstiegs-Mythos Dirk Lottner" bezeichnet. Als der 1. FC Köln nach zwei Jahren die Rückkehr in die Bundesliga schaffte, war Lottner eine der bestimmenden Figuren. Er war Libero und Kapitän schoss 14 Tore. Vermutlich wäre das ohne Ewald Lienen, den Trainer, nicht möglich gewesen. Lienen ist so etwas wie der Anti-Kölner, der personifizierte Aschermittwoch. Einen wie Lienen, der als verbissen gilt, können die Kölner nicht lieben; aber sie verehren ihn, weil sie wissen, dass ohne ihn der Erfolg nicht möglich wäre. Ohne Aschermittwoch wäre der Rosenmontag nur halb so schön. Denn nur wenn man gezwungen ist, irgendwann mit dem Feiern aufzuhören, kann man wieder damit anfangen.

Dirk Lottner sagt, Ewald Lienen sei ein lebensfroher Mensch. Das passt nicht in das Bild, das sich die Öffentlichkeit von Lienen gemacht hat. Vielleicht hängt das auch mit der Geschichte vom vergangenen Herbst zusammen, in der Lienen und Lottner die Hauptrollen spielten. Als der FC in Freiburg spielte, ließ Lienen seinen Kapitän 89 Minuten lang auf der Bank sitzen. In der Schlussminute durfte Lottner aufs Feld, empfand das als Demütigung, und die Medien hatten ihre Geschichte. Lottner sagt heute, dass alles anders war, als es nach außen dargestellt wurde. "Ich habe nie gesagt, dass Lienen Unrecht hatte." Der Tritt in den Hintern habe ihm ganz gut getan, "ob er so heftig ausfallen musste, ist eine andere Frage".

Inzwischen ist er nicht nur wieder Stammspieler, sondern mit neun Toren auch der erfolgreichste Mittelfeldspieler der Liga. Drei Monate nach der Geschichte in Freiburg hat er seinen Vertrag verlängert. Bis 2004. Dann ist Dirk Lottner 32. Vermutlich muss er nicht mehr umziehen.

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