Sport : 1. FC Magdeburg - Schalke 04: Mit zehn Mark in die weite Welt

Robert Ide

Er redet noch so, als ob er in der Kabine steht und elf Fußballer für ein wichtiges Spiel motivieren will. "Die Jungs müssen Kampfstärke zeigen", sagt er mit kräftiger Stimme, "jetzt können sie beweisen, was in ihnen steckt." Klaus Urbanczyk ist Fußball-Trainer aus Leidenschaft. In den siebziger Jahren hat er den 1. FC Magdeburg zu großen Erfolgen im Europapokal geführt. Er saß auf der Trainerbank, als die Magdeburger im Oktober 1977 den FC Schalke 04 mit 4:2 und 3:1 aus dem Uefa-Cup warfen. Wenn heute die Schalker zur Revanche im ausverkauften Ernst-Grube-Stadion auflaufen (20 Uhr 30, live in der ARD), wird Klaus Urbanczyk auf der Tribüne sitzen und mitfiebern wie in alten Zeiten.

Der Busfahrer der damaligen Magdeburger Mannschaft hat ihn eingeladen, mal wieder an alter Wirkungsstätte vorbeizuschauen. Im Viertelfinale des DFB-Pokals peilt der ostdeutsche Viertligist eine neue Überraschung an - nach den Bayern und dem 1. FC Köln soll es auch den Tabellenführer der Bundesliga erwischen. Urbanczyk freut sich schon auf die "Bombenatmosphäre" im Grube-Stadion. Er hofft auch auf etwas Ablenkung von seinem Alltag. In den vergangenen drei Jahren zog sich der 60-Jährige mehr und mehr vom Sport zurück, weil sein Enkelkind an einer schweren Krankheit leidet. Er bekam Angebote aus der Ober- und der Regionalliga, sogar in Malaysia wurde ihm ein Trainerstuhl angeboten. Doch Urbanczyk lehnte ab. "Es gibt Wichtigeres als Fußball", sagt er.

Früher war der Sport sein Leben. In den fünfziger und sechziger Jahren spielte der gelernte Schlosser als Verteidiger für Chemie Halle. "Banne", wie ihn die Zuschauer nannten, wurde zum Publikumsliebling auf der rechten Abwehrseite. 1963 schaffte es der 34-malige Nationalspieler in die Europaauswahl. Ein Jahr später feierte Urbanczyk seinen größten Triumph - und seinen traurigsten zugleich. Mit der ostdeutschen Mannschaft gewann er bei den Olympischen Spielen in Tokio die Bronzemedaille. Doch im Halbfinale prallte er mit Torwart Jürgen Heinsch zusammen und musste verletzt das Feld verlassen. Danach fand er nie wieder zu alter Form zurück.

Doch der Fußball ließ ihn nicht los. Urbanczyk wollte dort sein, "wo was los war". Mit 33 Jahren wurde er Trainer in Magdeburg und kämpfte dort fast ein Jahrzehnt lang um den DDR-Meistertitel. Außer zwei nationalen Pokalsiegen konnte er keine Trophäen gewinnen, dafür trat er sechsmal hintereinander im Europapokal an. "Immer wenn Auslosung war, haben wir auf eine Mannschaft aus dem KA gehofft". Das KA war das "Kapitalistische Ausland", der Klassenfeind. Wenn es auf Reisen ging in die weite Welt, wurde es plötzlich eng für den Trainer. Parteifunktionäre tauchten in der Kabine auf und predigten den Sieg des Sozialismus. Bei Auswärtsfahrten wurden Spieler überwacht. Urbanczyk hat das nie interessiert. Er schmuggelte von Westvereinen gespendete Fußbälle und Sportschuhe im Mannschaftsbus über die Grenze. Und für die Familie brachte er kleine Überraschungen mit. "Bei zehn D-Mark Tagegeld war das nicht gar so leicht", erzählt er.

Nach der Wende war es im Osten Deutschlands mit dem Europapokal vorbei, viele traditionsreiche Vereine der DDR-Oberliga trafen sich in der dritten und vierten Spielklasse wieder. Urbanczyk wurde Trainer beim Halleschen FC. Doch seine größten Talente Dariusz Wosz und René Tretschok wechselten zu Bundesligisten, inzwischen spielen beide in Berlin bei Hertha BSC. Innerhalb von zwei Spielzeiten verließen 55 Spieler den Klub, am Ende musste Urbanczyk selbst gehen, weil seine Stelle nicht mehr bezahlt werden konnte. Er wechselte zu Altmark Stendal. Dort sorgte er noch einmal 1995 für Aufsehen, als der Drittligist Wolfsburg und Hertha aus dem Wettbewerb warf.

Der Europapokal bleibt für Urbanczyk das Größte. Gern spricht er über den Beifall, mit dem er bei Arsenal London empfangen wurde, von Auftritten bei Juventus Turin und von Begegnungen mit Schalkes Urgestein Charly Neumann. Nach dem Sieg über Schalke im Herbst 1977 führte Urbanczyk die Magdeburger noch bis ins Viertelfinale. Dort scheiterten sie knapp am späteren Cup-Gewinner PSV Eindhoven. Verteidiger der Niederländer war damals Huub Stevens - heute Trainer von Schalke 04.

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