Sport : 1. FC Union: Andacht und Ekstase

Karsten Doneck

Lange Warteschlangen bildeten sich vor den Check-in-Schaltern der Finnair auf dem Flughafen Helsinki. "Hier ist ja ganz Finnland unterwegs", scherzte Heiner Bertram angesichts der Tatsache, dass jenes Land zwar groß an Fläche, aber nicht sonderlich dicht bevölkert ist. Aber nicht nur ganz Finnland hatte sich gestern zu früher Stunde am Flughafen versammelt. Unter das Volk im Aufbruch hatte sich auch ein Verein im Aufbruch gemischt: der 1. FC Union. Der Fußball-Zweitligist, von Heiner Bertram als Präsident geleitet, hatte am Abend zuvor seinen ersten Gehversuch im europäischen Wettbewerb gemacht und war dabei mit dem 1:1 beim Finnischen Meister FC Haka Valkeakoski keineswegs eingeknickt.

Um so gelassener nahmen die Profis die Wartezeit beim Einchecken für den Rückflug nach Berlin hin. Etwas übermüdet wirkten die Spieler, hatten sie doch zwischen Europapokal-Debüt und Heimflug nur rund vier Stunden Zeit zum Schlafen. Der guten Laune tat das keinen Abbruch. Schon gar nicht bei Sreto Ristic. Der Stürmer hatte in Valkeakoski eine Viertelstunde vor Schluss den wichtigen 1:1-Ausgleich geschafft. Da nahm er sich halt das Recht heraus, seinen Torwart Sven Beuckert mal ein bisschen anzupflaumen. "Irgendwann", spottete Ristic, "musst du auch mal einen Ball richtig festhalten." Er spielte auf jene Szene an, durch die der 1. FC Union mit 0:1 in Rückstand geraten war. Einen Foulelfmeter, von Ernemann verursacht und von Popowitsch geschossen, hatte Beuckert glänzend pariert. Aber nicht glänzend genug, denn den abprallenden Ball wuchtete der Finne Väisänen im Nachschuss über die Linie. "Und ich", schmollte Ristic an die Adresse von Beuckert, "stehe da vorne und warte vergeblich auf deinen Abschlag."

Die Stimmung bei Union vor dem ersten Uefa-Cup-Auftritt war noch ziemlich angespannt gewesen. Und hinterher völlig gelöst. Union, der Zweitligist, hatte schließlich in den 90 Minuten in Valkeakoski alle Bedenken zerstreut, dass der Auftritt in Fußball-Europa die Mannschaft schlichtweg überfordern würde und schon der Finnische Meister, erfahren in nunmehr 51 Europapokalspielen, eine unlösbares Aufgabe darstelle. Es sei das bestmögliche Los gewesen für seine Mannschaft, hatte Hakas englischer Trainer Keith Armstrong nach der Auslosung der ersten Uefa-Cup-Runde erzählt. Ob er seine Meinung nach dem Hinspiel nun revidiert? "Meine Mannschaft hat bewiesen, dass sie nicht zufällig in den Uefa-Cup geraten ist", freute sich Unions Trainer Georgi Wassilew und wird sich jetzt den Mund fusselig reden, damit seine Spieler auch das Rückspiel am nächsten Donnerstag hochkonzentriert angehen.

Mit 15 000 Zuschauern rechnet Heiner Bertram für diese Partie im Jahnsportpark. Dann wird gewiss auch mehr Europapokalatmosphäre herrschen als in dem kleinen Stadion Tehtaan kenttä in Valkeakoski. Die 2200 Finnen, die dort Platz nahmen, verfolgten derart andächtig das Spiel, als seien sie in Gedanken schon beim nächsten Angelausflug an einem der vielen finnischen Seen. Und doch geriet zumindest ein Dutzend weiblicher Fans mal kurz in Ekstase. Und zwar als zehn Minuten vor Spielbeginn aus den Lautsprechern das Vereinslied des FC Haka erklang. Da sprangen die jungen Damen auf von ihren Plastikstühlen, hüpften herum, sangen mit. "Dieses Lied ...", amüsierte sich Unions Mannschaftsarzt Thorsten Dolla noch unmittelbar vor dem Rückflug. Es handelte sich dabei um eine Art finnische Folklore, sehr gewöhnungsbedürftig - gerade für Ohren, die sonst von Techno-Klängen oder auch von DJ Ötzi beschallt werden. Seinem einsamen Höhepunkt trieb das Lied stets dann entgegen, wenn stakkatomäßig das "FC Haka" wie ein dunkles Donnergrollen durchs Stadion dröhnte. Die Tribünen zierten übrigens überall Rauchverbotsschilder - verständlich angesichts der Brandgefahr, bestand die ganze Konstruktion doch aus finnischer Fichte.

Der Unterschied zwischen Europapokal und Zweiter Bundesliga - so richtig war der am äußeren Rahmen in Valkeakoski nicht festzumachen. Auch wenn Torwart Beuckert meint: "Ein bisschen mehr als sonst war das schon." Morgen (15 Uhr, Alte Försterei) fängt Union der Alltag wieder ein: Dann geht es in der Zweiten Bundesliga um Punkte gegen den FC Schweinfurt 05.

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