Sport : 1. FC Union: Auf dem Weg in die Fußball-Geschichte

Karsten Doneck

Meist wirkt Georgi Wassilew ruhig, gelassen, zurückhaltend. Selten lebt er die großen Fußball-Emotionen öffentlich aus. Und doch brodelt in Wassilews bulgarischer Seele ein Vulkan. Und wenn der mal zum Ausbruch kommt ...

Da war also am Freitagabend gerade das Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen abgepfiffen. Als die Fernsehreporter Wassilew vor die Kameras holten, ging der Trainer des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union verbal in die Offensive: "Union ist eine Mannschaft, die langsam auf dem Weg ist, in der deutschen Fußballgeschichte ihren Platz einzunehmen." Richtig staatstragend. Sicher, ein 3:0-Sieg wie am Freitagabend in Oberhausen ist für den 1. FC Union eine feine Sache, aber diesen nun gleich in historische Dimensionen zu rücken, dazu gehört schon eine gehörige Portion Pathos, das tief aus der Seele kommt.

Und weil Wassilew die drei Tore seiner Mannschaft durch Hristo Koilow, Sreto Ristic und Harun Isa nun schon mal ins Plaudern versetzt hatten, entlastete er den Reporter auch noch, indem er dessen mögliche nächste Frage schon mal vorwegnahm - und gleich selbst beantwortete. "Also, wenn sie wissen wollen, welche Spieler ich herausheben möchte, sage ich Ihnen: alle!" Das pauschale Lob hatte sich Unions Mannschaft wirklich verdient. Und doch gebührt die größte Anerkennung im Grunde genommen Georgi Wassilew selbst.

Union hatte im Stadion Niederrhein nun ganz gewiss nicht die besseren Individualisten auf dem Platz. Und schon gar nicht die erfahreneren. Spieler wie die Oberhausener Fabrizio Hayer, Jürgen Luginger oder Jörg Lipinski haben rund fünfmal so viele Zweitliga-Einsätze auf dem Buckel wie Unions Anfangsformation zusammengerechnet - insgesamt 853. Aber dank Wassilew machen die Köpenicker derlei Defizite nicht nur durch körperliche Fitness wett. Die Mannschaft verfolgt mit eiserner Disziplin auch noch ein kluges taktisches Konzept, das aus drei hervorstechenden und ineinander greifenden Komponenten besteht: Absicherung des eigenen Tores, laufintensives Spiel, blitzschnelles Umschalten von Abwehr auf Angriff. Das alles klappt zurzeit vorzüglich, und Sven Beuckert, der Torwart, fühlt sich schon jetzt zu der Ansicht verleitet: "Wir haben gezeigt, dass man in der Zweiten Liga jeden schlagen kann." Wenn das nicht gut fürs Selbstvertrauen ist.

Dass bei Union in einer Elf viele Nationalitäten zusammenwirken, stellt dabei kein Problem dar. Hristo Koilow, in Oberhausen der Schütze des wichtigen, weil Beruhigung schaffenden 1:0, meinte: "Ich teile die Mannschaft nicht ein in Russen, Serben oder Bulgaren. Für mich sind wir ein Team." Das ist nicht nur weise gesprochen, sondern in der Tat so. Dieser Teamgeist soll am kommenden Sonnabend nun auch gegen LR Ahlen helfen. Mit den Ahlenern hat Union ja sowieso noch eine Rechnung offen. In Ahlen vergeigten die Berliner vor gut einem Jahr durch eine 1:2-Niederlage den damals schon möglichen Aufstieg in die Zweite Liga. Wer weiß, wofür das gut war? Vielleicht hat die darauf folgende Ehrenrunde in der Regionalliga das Team erst richtig zusammengeschweißt für ein erfolgreiches Dasein in Liga zwei. Nicht unbedingt, um gleich deutsche Fußballgeschichte zu schreiben, aber um zumindest in der neuen Umgebung eine gute Rolle zu spielen, am Ende eventuell sogar bei der Vergabe der Aufstiegsplätze dabei zu sein.

Und dazu gehört auch Bescheidenheit. Sven Beuckerts Kommentar zur sportlich derzeit überaus freundlichen Lage bei Union: "Wir haben jetzt vier Punkte. Für mich sind das vier Punkte gegen den Abstieg." Und Kapitän Steffen Menze mahnt: "In der Zweiten Liga verliert man auch ganz schnell mal drei Spiele am Stück."

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