Sport : 1.FC Union: Die Berliner steigen auf

Andre Görke

Für einen Augenblick ist es ruhig geworden. Der 1. FC Union spielt in der Fußball-Regionalliga gegen SV Wilhelmshaven. Für den Kick auf dem Rasen aber interessiert sich jetzt, ein paar Minuten vor dem Abpfiff, niemand. Unten am Spielfeldrand hat gerade ein Handy gebimmelt. Unions Maskottchen, Ritter Eisenheart, legt seine Plüschkeule beiseite und greift zum Telefon. Auf den Rängen ist es still, knapp siebentausend Union-Fans starren auf Eisenheart. Er hält den Kontakt nach Aue. Da spielt Unions Verfolger Babelsberg 03, und wenn die Potsdamer in Aue nicht gewinnen, wäre Union bei einem Sieg über Wilhelmshaven in die Zweite Bundesliga aufgestiegen.

Kurz nach der Halbzeit hatte Ritter Eisenheart schon einmal den Zwischenstand verkündet: "Zwei" stand auf seinem Schild. "Zwei" steht für Auswärtssieg, wie beim Fußball-Toto. Nun aber, vier Minuten vor Schluss, prangt auf Eisenhearts Schild fett die "Null". Aue hat den Ausgleich geschossen. Ein kollektiver Jubelschrei erschüttert die Alte Försterei. Der 1.FC Union steht nach Toren von Teixeira (2), Isa, Nikol und Golowan beim 5:0 (3:0)-Sieg über den SV Wilhelmshaven als erster Aufsteiger in die Zweite Bundesliga fest.

Schlusspfiff. Die Tore zum Spielfeld werden geöffnet, die Fans rennen jubelnd zu ihren Kickern. Vorbei die Schmach der vergangen Jahre, in denen sich Union das Image des unaufsteigbaren Loserklubs erarbeitet hatte. Im Juni 1993 etwa schien Union bereits als Aufsteiger in die Zweite Liga festzustehen. Dann aber kam heraus, dass der Klub eine Bankbürgschaft gefälscht hatte. Union wurde vom Deutschen Fußball-Bund in die dritte Liga zurückversetzt. Ein Jahr später wurde der 1. FC Union dann trotz sportlicher Qualifikation für die Aufstfiegsrunde gar nicht erst zum Lizenzierungsverfahren zugelassen. Den vorerst letzten Rückschlag hatte es im vergangenen Sommer gegeben. Union war zwar Meister der Regionalliga-Nordost, vergeigte aber im Relegationsspiel in Osnabrück den Aufstieg. Doch der Loserklub von einst ist mittlerweile Kult geworden.

Zum Thema Online Spezial: 1. FC Union So steht Unions Trainer Georgie Wassilew Minuten nach dem Abpfiff vor der Kabine und grübelte, was wohl all die Leute von ihm wollen. Präsident Heiner Bertram knuddelt seinen Coach und die Journalisten warten auf erste Stimmen. Und während sich ein paar Meter weiter seine Spieler mit Sekt besudeln und tausende Fans "Nie mehr dritte Liga" singen, spricht der weise Bulgare Wassilew: "Also theoretisch könnten wir noch abgefangen werden." Ein Dutzend Journalisten schaut entgeistert auf Wassilew. Er hatte noch gar nicht begriffen, dass sein Team gerade aufgestiegen war. "In der nächsten Woche fällt die Entscheidung in Dresden", sagt Georgi Wassilew.

Im Pressezelt hält Präsident Heiner Bertram eine Rede. "Das hier war ohne Übertreibung ein historischer Tag für uns", sagt er. "All die Anspannung der letzten Jahre ist gewichen. Unser Aufstieg ist aber kein Wunder, sondern ein Produkt hervorragender Arbeit." Und noch etwas möchte Bertram verkünden. Er kramt eine Mappe hervor und hält Wassilew ein Blatt vor die Nase. "Ein Zweijahresvertrag", sagt er. "Hier bitte unterschreiben." Wassilew nickt. Einer sagt: "Der ist übrigens für die Zweite Liga."

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