Sport : 1. FC Union: Endlich angekommen

Andre Görke

Unions Torwart Sven Beuckert lehnt sich kurz nach dem Schlusspfiff aus dem kleinen Fenster der Mannschaftskabine und bespritzt jeden Vorbeilaufenden mit klebrigem Sekt. Ein paar Schritte weiter am Bierstand stoßen die Fans an auf den Aufstieg. Plötzlich eilt ein Mann schnurstracks auf Georgi Wassilew zu. Die Fragen der Journalisten interessieren jetzt nicht, auch nicht die singenden Fans. Der Mann, Unions Präsident Heiner Bertram, will etwas Selbstverständliches tun. Er nimmt Wassilew geradezu zärtlich in den Arm und drückt den Trainer. Journalisten warten gespannt. Irgendetwas muss jetzt noch passieren. Vielleicht wird Bertram eine Laudatio halten. Vielleicht werden beide jetzt ein Tänzchen hinlegen. Bertram aber schaut Wassilew einfach in die Augen und sagt "Danke".

Zum Thema Online Spezial: 1. FC Union Vor über vier Jahren war Bertram beim 1. FC Union als Präsident eingestiegen. Bei einem Klub, der in den Jahren zuvor stets in den entscheidenen Situationen versagte. Nachdem die Köpenicker zweimal in der Aufstiegsrunde gescheitert waren, schafften sie im Juni 1993 die sportliche Qualifikation für die Zweite Bundesliga. Doch Union reichte beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) eine Bankbürgschaft vor, die gefälscht worden war. Union blieb unten. Als Bertram Ende 1997 den verschuldeten Klub übernahm, stand Union kurz vor dem Konkurs. Bertram strebte den Vertrag mit der Kinowelt AG an, der dem Verein acht Millionen Mark bringt. Union aber blieb trotz der verlorenen Relegationsspiele in Osnabrück und Ahlen im vergangenen Jahr der Kultklub Ostberlins.

Mittlerweile plant der 1. FC Union für die Zweite Bundesliga. Der Etat steigt von knapp elf Millionen auf 13,5 Millionen Mark. Allein acht Millionen Mark kommen an Fernsehgeldern zusammen. Und da der Klub definitiv im Europapokal spielen wird, ist den Köpenickern eine weitere Million Mark sicher. Im Falle eines Sieges im DFB-Pokal-Finale über Bundesligist Schalke 04 winken noch einmal über zwei Millionen Mark. "Wir eilen derzeit von Ereignis zu Ereignis", sagt Bertram. "Für den sportlichen Erfolg aber mussten wir in den vergangen vier Jahren seit meinem Amtsantritt erst die finanziellen und strukturellen Voraussetzungen schaffen. Das waren vier Jahre Selbstdisziplin, vier Jahre Anspannung."

Diese war in den letzten Wochen besonders groß. Zu Rückrundenbeginn hatte Union noch auf Tabellenplatz sechs gestanden, weit hinter Eintracht Braunschweig, dem VfB Lübeck und Fortuna Köln. Die Mannschaft aber fand sich, holte aus den letzten elf Spielen genau elf Siege. In den letzten Wochen zweifelte kaum noch jemand am Aufstieg. Und doch gab es rechnerisch immer noch die Chance zu vergeigen. "Es ist jetzt ein ganz komisches Gefühl", sagt Unions Stürmer Harun Isa nach dem 5:0 über Wilhelmshaven. "Irgendwie unglaublich erleichternd. Du kannst jetzt wieder ruhiger spielen." Vor ein paar Jahren hatte der Mazedonier bereits mit Hertha BSC in der Zweiten Bundesliga gekickt. "Mit Union aber", sagt er, "ist das anders." Allein schon wegen des Stadions. "Hier spielst du vor 8000 Zuschauern, denkst aber, dass das 30 000 sind." Im tristen Olympiastadion kam selten so eine Stimmung auf wie in der Alten Försterei. Unions Stadion fasst knapp 20 000 Zuschauer, die steilen Ränge grenzen direkt ans Spielfeld. Ein klassisches Fußballstadion mitten im Wald.

Sven Beuckert wirkte gelöst. "Klar, da war schon eine gewisse Anspannung", sagte Unions Torwart. "Wir wussten aber auch, dass wir sechs Punkte Vorsprung auf Babelsberg hatten." Und die hatten bekanntlich durch ihr Unentschieden in Aue erst für Unions Aufstieg gesorgt. Im Erzgebirge hatte Beuckert bis zum letzten Sommer noch im Tor gestanden. Beim nächsten Treffen spendiert er den alten Mannschaftskollegen ein paar Bier. Das Zweitliga-Gehalt machts möglich.

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