1. FC Union : „Es gibt den Traum vom ganz großen Fußball“

Aufsichtsratschef Antonio Hurtado über Aufstieg und Ostidentität des 1. FC Union - und die Champions League in Köpenick.

Interview: Katrin Schulze,Robert Ide
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Im Gespräch. Antonio Hurtado.Foto: Koch

Herr Hurtado, was fällt Ihnen ein, wenn Sie auf den Beginn Ihrer Arbeit beim 1. FC Union zurückblicken?


Nicht die Schreibmaschine, die Dieter Hoeneß bei Hertha vorgefunden haben will. Wir hatten schon einen Commodore und einen Taschenrechner. Nein, ernsthaft: Wir haben vor fünf Jahren einen Verein übernommen, der am Boden lag. Es war desolat – und zwar in allen Bereichen.

Erzählen Sie!

Im Verein herrschte Misstrauen. Es gab Schlammschlachten, vor allem in Aufsichtsrat und Präsidium. Das hat sich auf alle Mitarbeiter übertragen und auch auf den sportlichen Bereich. Eine Strategie gab es nicht. Niemand konnte sich vorstellen, wie und wo wir in drei Jahren spielen sollen. Und wirtschaftlich mussten wir feststellen, dass der Verein einige Zeit deutlich über seine Verhältnisse gelebt hat.

Und das ist inzwischen anders?

Vollständig. Wir haben heute, auch dank Präsident Dirk Zingler, eine gesunde Basis, um uns zu konsolidieren.

Das klingt relativ bescheiden. Wo ist denn der Traum vom ganz großen Fußball beim 1. FC Union?

Es gibt diesen Traum. Die Frage ist nur, in welcher Geschwindigkeit man ihn verfolgt. Es ist wie in der Physik: Beim Erhitzen eines Materials sind Haltezeiten nötig, damit sich das Gefüge wieder ordnen kann. Wenn Sie etwas zu schnell aufheizen, kommt es zu abrupten und unkontrollierten Veränderungen – und die führen zu einer Abnahme der Festigkeit. Darunter leidet die Lebensdauer des Materials. Das können Sie auf ein Unternehmen übertragen und auf eine Beziehung. Und auch auf Union.

Es scheint, als gäbe es für Union nur einen begrenzten Raum für diesen Prozess – Sie haben das Image eines Nischenklubs.

Wir wollen keine graue Maus sein. Wir wollen aufhören, als Underdog dazustehen und damit zu kokettieren. Wir müssen uns öffnen und andere teilhaben lassen, ohne dabei allerdings die jetzige Struktur zu verletzen.

Behindert die Fokussierung auf den Stadtteil Köpenick und die Tradition des Klubs Sie nicht in der Entwicklung?

Es würde uns behindern, wenn wir nur die alte Gemeinde von Unionern bedienen würden. Hier besteht aber der Anspruch, Tradition aufrecht zu erhalten, aber diese auch als Katalysator zu verwenden, um neue Ziele zu definieren.

Wo sollen neue Fanschichten denn herkommen? Bisher stammt der Großteil Ihrer Zuschauer ja aus den Ostbezirken.

Wir müssen nach Wilmersdorf, nach Zehlendorf und Charlottenburg – genauso wie nach Hellersdorf oder Mitte. Dazu werden wir keine Flyer vor dem Supermarkt verteilen, aber wir spielen dort und suchen den direkten Kontakt. Dieses Werben muss auch über die Grenzen Berlins hinausgehen.

Das Image von Union rührt größtenteils aus der Vergangenheit. Wie gehen Sie mit der Ostidentität um?

Wir tun gut daran, unsere Ostaffinität nur mit der Herkunft des Vereins zu verbinden – mehr nicht. Wir wollen auf keinen Fall als Paradebeispiel für Ostfußball herhalten. Das wäre für unsere Entwicklung nicht sinnvoll. Es geht bei der Gewinnung neuer Fans immer darum, Glaubwürdigkeit herzustellen. In Berlin gibt es immer noch ein paar Leute, die Union mit negativen Dingen aus alten Zeiten verbinden und ein Problem haben, uns als seriösen Verein zu sehen. Deshalb ist jeder Tag, an dem wir Menschen in Kontakt mit Union bringen, eine Art Imagekampagne. In Gesprächen frage ich die Leute immer, ob sie Fußballfans sind und Union Berlin kennen.

Und was bekommen Sie da für Antworten?

Das Schlimmste, was ich je gehört habe, war, dass Union früher für die Partei gespielt hat. Eigentlich müsste ich das unter der Rubrik Ignoranz abhaken. Trotzdem behandle ich diesen Menschen, als wäre er mein nächster Kunde.

Wie wollen Sie denn potenzielle Kunden aus Wilmersdorf davon überzeugen, nach Köpenick zu fahren, um sich ein Fußballspiel des 1. FC Union anzuschauen?

Mit dem Erfolg in der vergangenen Saison hat eine Art Aufbruchstimmung eingesetzt. Jetzt ist die richtige Phase, um neue Menschen anzusprechen. Wir wissen ja, dass wir wirtschaftliche Einnahmen nur erzielen, wenn Menschen sich bei uns wohlfühlen und wiederkommen.

Steckt überhaupt so viel Potenzial in dem Standort Alte Försterei?

Das Potenzial in der Hauptstadt beträgt 3,25 Millionen Personen. Alle unterzubringen wird schwierig (lacht). Aber wir trauen uns zu, das neue Stadion füllen zu können – wir haben ja zum Glück ein reines Fußballstadion. Und sollte uns das übergeordnete Ziel gelingen, irgendwann Champions League zu spielen ...

... Champions League? Haben wir richtig gehört?

Irgendwann, habe ich gesagt (lacht). Dann werden wir die Alte Försterei weiter modernisieren. Leverkusen hat auch so angefangen. Die wollten damals nur ein Stadion mit 20 000 Zuschauern Fassungsvermögen bauen. Dann hat es eine Entwicklung gegeben, die es erlaubt hat, das Stadion auszubauen. Aber, bitte, das alles geht nur mit Bodenhaftung.

Dann denken wir doch erst mal regionaler: Wie sieht Ihr Verhältnis zu Bundesligist Hertha BSC aus. Sehen Sie sich als Konkurrent um die Aufmerksamkeit in der Stadt?

Es gibt jetzt schon eine Rivalität zwischen beiden Klubs. Aber wir fokussieren uns auf unser eigenes Produkt, was nicht heißt, dass wir nicht auch eine Ergänzung zu Hertha sein können. Sehen Sie sich doch nur mal in Spanien um, wo ich herkomme. Da hat Madrid sogar mit drei Erstligisten gespielt: mit Real, Athletico und Rayo Vallecano. Die können alle wunderbar miteinander leben. Der Markt dafür ist vorhanden – auch in Berlin.


Antonio Hurtado, 49, ist gebürtiger Spanier. Er arbeitet als Professor für Wasserstoff- und Kernenergietechnik an der TU Dresden. Seit 2004 sitzt er dem Aufsichtsrat beim 1. FC Union vor.

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