1. FC Union : Gar nicht mehr so eisern

Der 1. FC Union könnte für das Berliner Derby doch ins Olympiastadion ziehen. Ob Union nicht doch lieber seiner Heimat treu bleibt, soll möglichst bald feststehen.

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Warten auf Union. Das Olympiastadion stünde für eine Austragung des Heimspiels der Köpenicker gegen Hertha BSC bereit.
Warten auf Union. Das Olympiastadion stünde für eine Austragung des Heimspiels der Köpenicker gegen Hertha BSC bereit.Foto: dpa

Berlin - Selbst die tapfersten Romantiker müssen manchmal vor der Realität kapitulieren. Das ist im wahren Leben nicht anders als im Fußball. Erst recht nicht, wenn die Realität so ein brisantes Fußballspiel bereithält wie am vierten Spieltag der Zweiten Liga. Als „Riesending“ bezeichnet Unions Sportdirektor Christian Beeck das Duell seines 1. FC Union gegen Hertha BSC; und ein Riesending erfordert besondere Maßnahmen. Zwar lässt Unions Präsident Dirk Zingler weiterhin verkünden, dass sein Klub sich im Moment noch nicht mit dem vierten Spieltag beschäftigt. Doch jetzt wird bekannt, dass intern längst das Für und Wider einer Verlegung des an diesem Termin anberaumten Heimspiels der Köpenicker ins Olympiastadion diskutiert wird.

Noch ist offen, wie sich das Präsidium des 1. FC Union entscheidet. Dass sich der Klub aber überhaupt mit dem Thema auseinandersetzt, ist spektakulär genug. Immerhin hat nicht nur Dirk Zingler eine Verlegung der Partie vor nicht allzu langer Zeit noch kategorisch ausgeschlossen. „Mir fällt nichts ein, was uns ins Olympiastadion bringen könnte, außer das DFB-Pokalendspiel“, hatte Unions Präsident noch im Dezember in einem Tagesspiegel-Interview gesagt. Gut ein halbes Jahr später hat der Verein offensichtlich gewichtige Argumente für eine Wanderung nach Westen gefunden – sie sind finanzieller Natur. „Wir würden viel lieber in der Alten Försterei spielen“, sagt Sportdirektor Christian Beeck. „Aber auf der anderen Seite ist da das verflixte Geld. Und von dem haben wir nicht genug.“

Es ist in der Tat ein gewaltiger Balanceakt, den der 1. FC Union gerade hinlegt. Einerseits steht der Verein wie kein anderer seiner Spielklasse für Fußballfolklore, Tradition und Fannähe. Erst vor der abgelaufenen Saison haben Unions Anhänger in mühevoller Handarbeit ihr Stadion aufgepäppelt – und sich so symbolisch in Köpenick verwurzelt. Andererseits sind die finanziellen Möglichkeiten der Unioner seit jeher dürftig, gelinde gesagt. Immer noch plagen sie Verbindlichkeiten, ihr Etat von knapp 12 Millionen Euro in der zurückliegenden Saison bedeutete Ligamittelmaß. Ein Heimspiel im ausverkauften Olympiastadion könnte nun allein durch die verkauften Tickets eine hohe sechsstellige Summe einbringen, wenn nicht gar mehr.

Das sind Dimensionen, vor denen offenbar auch die größten Traditionalisten nicht mehr fliehen können . „Wir möchten die Bodenständigkeit, die uns auszeichnet, bewahren“, sagt Unions Aufsichtsratschef Antonio Hurtado. „Allerdings ist es wichtig, über solche Sachen wie einen Umzug nachzudenken und dann situativ und strategisch zu entscheiden.“ So oder so, Försterei oder Olympiastadion: Wehtun wird den Unionern das Heimspiel gegen den Stadtrivalen aus Berlin-Charlottenburg ohnehin – sei es aus Finanz- oder Identitätsgründen.

Wenn selbst der Manager des Kontrahenten, Michael Preetz, im Trainingslager der Herthaner in Feldkirchen verkündet, dass er sich einen Umzug Unions ins Olympiastadion nicht vorstellen könne, kann man sich in Ansätzen ausmalen, wie es bei den Köpenickern selbst aussieht. Nicht nur für die meisten Fans, sondern auch für viele Angestellte des Vereins erschien ein Heimspiel in der ungeliebten Schüssel mit der blauen Tartanbahn fernab jeglicher Vorstellungskraft. Bis zuletzt.

Vielleicht haben sie die Versuchung Olympiastadion auf Unioner Seite auch ein wenig unterschätzt. Schließlich wird der Klub schon jetzt mit Ticketanfragen für das Derby überhäuft, obwohl das Spiel noch nicht einmal genau terminiert wurde. Der 17., 18. oder 19. September wird es werden; die Betreibergesellschaft des Olympiastadions denkt so weit voraus – und hat sich diese Daten für alle Fälle schon mal markiert. „Es gibt noch keine Anfrage. Aber wir halten das entsprechende Wochenende definitiv erst mal frei“, sagt Christoph Meyer, Leiter Presse und Veranstaltungen bei der Olympiastadion Berlin GmbH. „Über eine Austragung des Derbys würden wir uns freuen.“

Der Weg ist also frei. Ob der 1. FC Union ihn beschreiten wird oder doch seiner Heimat treu bleibt, soll möglichst schnell feststehen. Aufsichtsratschef Hurtado sagt: „Eine Entscheidung wird zeitnah fallen. Und der Aufsichtsrat des 1. FC Union wird diese tragen.“ Egal, wie sie aussieht.

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