Sport : 1. FC Union: Kapitänsbinde in XL

Karsten Doneck

Trainingslager sind qualvoll. Tagaus, tagein der gleiche Trott - kein Wunder, dass die Fußballprofis da nach der kleinsten Abwechslung lechzen. Da wird vor der neuen Saison selbst der mehr oder weniger demokratische Entscheid, wer denn nun neuer Mannschaftskapitän werden soll, zu einem kleinen, mit Spannung erwarteten Event. Wenn denn ein solches Problem in den Tagen der Schinderei überhaupt thematisiert wird.

Zum Thema Online Spezial: Unions Weg in die Zweite Liga Wahl des Mannschaftskapitäns? Mit solchen Marginalien mag sich Georgi Wassilew, der bulgarische Trainer des Zweitligisten 1. FC Union, in diesen Tagen im Trainingslager in Rotenburg an der Fulda nicht beschäftigen. "Warum", fragt er, "brauche ich einen neuen Kapitän, wenn der alte noch da ist?" Logisch, wozu eigentlich wählen oder neu bestimmen? Steffen Menze, wahlweise Mittelfeldspieler oder Abwehrchef und seit drei Jahren bei Union, wird die Verantwortung als Spielführer samt der dazugehörigen Armbinde auch in der nächsten Saison tragen.

Menze ist kein Duckmäuser. Er sagt, was er denkt. Auch wenn seine Worte vielleicht mal nicht im Einklang mit den Gedankengängen des Präsidenten Heiner Bertram stehen. Da existieren etwa die Ansprüche, die an Union in der Zweiten Liga gestellt werden. Den Träumern hält Menze entgegen: "Wir dürfen die Erwartungshaltung nicht zu hoch schrauben, so wie das zum Beispiel Herr Bertram gemacht hat." Der hob nach dem Aufstieg im Geiste und unter dem Vorwand, man müsse doch Visionen haben, schon mal ab in die Erste Bundesliga. Menze hält dagegen: "Wir sollten gerade den Zuschauern nicht allzu viel Optimismus vorgaukeln. Es gibt in der Zweiten Liga zu viele Mannschaften, die ungefähr auf dem gleichen Level spielen."

Deswegen gelte es für Union, gerade als Aufsteiger, Zurückhaltung und Bescheidenheit zu üben. Zumindest verbal. Auf dem Platz darf man ja ruhig etwas großspuriger auftrumpfen. Steffen Menze geht da mit gutem Beispiel voran. Er warnt selbst vor den vermeintlich Schwächsten der Liga. "Bei uns", sagt er, "kann sich keiner hinstellen und sagen: Ach, jetzt kommen die Schweinfurter, diese Blinden." Menze muss es wissen: Er ist in seiner Zeit beim FSV Zwickau, FC St. Pauli, bei Hannover 96 und Eintracht Frankfurt immerhin schon auf 105 Zweitligaeinsätze gekommen.

Dass beim 1. FC Union die Kapitänsbinde nicht jedermann passt, zeigte sich im Trainingslager übrigens deutlich beim 3:1-Sieg gegen den Oberligisten SC Neukirchen. Da wurde Steffen Menze verabredungsgemäß zur Pause ausgewechselt. Das Stück Stoff, das ihn - am Oberarm getragen - als Kapitän auswies, übernahm der eingewechselte Stürmer Harun Isa. Dessen Konfektionsgröße freilich entspricht nun ganz und gar nicht der von Steffen Menze. Immer wieder verrutschte Isa die Kapitänsbinde auf den dürren Oberarmen, immer wieder zerrte er sie zurecht. Irgendwann nervte Isa dieses Spielchen am Rande, hinderte es ihn doch an seiner wahren Mission, der Konzentration aufs Toreschießen. Er schmiss die Kapitänsbinde also einfach an der Seitenlinie vor der Auswechselbank weg. Georgi Wassilew registrierte die Szene, interpretierte sie als einen Wutausbruch Isas und tauschte ihn wegen dieser Undiszipliniertheit sofort gegen Christian Fährmann aus. "Wir müssen uns als der 1. FC Union nach außen hin gut darstellen", verlangt Wassilew, ein absoluter Disziplinfanatiker. Isa hat sich inzwischen längst mit dem Trainer ausgesprochen, das Missverständnis ist geklärt, und er darf wie eh und je stürmen - ohne Kapitänsbinde freilich. Die passt eben nur Steffen Menze. Wenngleich offenbar nur in Größe XL.

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