Sport : 1. FC Union: Krim statt Uefa-Cup

Lothar Heinke

Fans, die sich an Unions Jahr 1968 erinnern, sind rar und haben mittlerweile graue Haare. Viel ist in den 33 Jahren nach dem historischen Pokalsieg-Sonntag am 9. Juni 1968 mit ihrer Mannschaft passiert. Der 1. FC Union Berlin sorgte immer wieder dafür, dass die Gefühle seiner Anhänger Fahrstuhl fuhren oder Achterbahn, aber die ganze Geschichte um den Pokalsieg und den dann am grünen Tisch verspielten internationalen Pokal-Auftritt wirkt wie Triumph und Tragödie im Einerlei des fußballerischen Alltags - bis heute.

Es war ja schon eine Sensation, dass Union mitten im Abstiegskampf der Saison 1968/69 gegen den DDR-Meister Carl Zeiss Jena mit 2:1 den FDGB-Pokal gewann. Noch heute zieren die Fotos der Helden, wie sie stolz die schwere Trophäe im hallischen Kurt-Wabbel-Stadion in die Höhe stemmen, diverse Vereinsdevotionalien. Der Pokal war der größte Erfolg in Unions jüngerer Vereinsgeschichte, denn die Wetten standen, sagen wir mal, 99:1 für Jena. Zwischen all den nach Kräften als "Leistungszentren" geförderten Betriebs-, Armee- und Polizeiklubs hatte ein "Privatverein" den Cup erobert und wurde ins Scheinwerferlicht der internationalen Bühne geschickt. Theoretisch. Erster Gegner im Europapokal der Pokalsieger sollte der jugoslawische Pokalsieger FC Bor sein. Es kam nicht dazu: Der Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in die CSSR schuf für den europäischen Fußballverband Uefa eine neue Situation. Aus Sicherheitsgründen sollten in den ersten beiden Runden die Klubs aus Ost- und West-Europa zunächst getrennt untereinander spielen. Es wurde neu gelost. Unions Gegner war Dynamo Moskau. Dieses Verfahren werteten die Funktionäre der sozialistischen Länder als Diskriminierung; sie zogen ihre Teilnehmer beleidigt zurück. "Wir waren Neese", sagt Günter "Jimmy" Hoge, Unions legendärer Außenstürmer heute, und erinnert sich, wie ihm beim Einlaufen damals, 68, Jenas Star Roland Ducke zuraunte: "Heute kriegt ihr wieder fünf". Tatsächlich schoss Jena 40 Sekunden nach dem Anpfiff schon mal gleich das 1:0 - und unterlag am Ende dem Kampfgeist der Berliner. "Pokalsieger wird man nur einmal alle hundert Jahre, dazu kam die Chance, einmal im Ausland zu spielen", sagt Hoge. "Wir fühlten uns als Opfer der Politik, die haben uns verscheißert." Diskutiert wurde darüber kaum, einige hatten den Schritt sogar gut geheißen. "Wir steckten alle in einer Zwangsjacke", gibt Abwehr-Organisator Wolfgang Wruck zu bedenken - weil er sich bei einem Auswärtsspiel der Nationalmannschaft mit einem Verwandten im Hotel getroffen hatte, durfte er das blaue Trikot mit dem Schriftzug "DDR" auf der Brust nicht mehr tragen. Auch der damalige Kapitän Ulli Prüfke spricht heute von einer "riesengroßen Enttäuschung: Wir wussten, dass dies eine einmalige Sache ist."

Zum Trost durften die Unioner damals nach Sotschi auf die Krim, und 25 000 Berliner strömten dann zum Europa-Cup-Ersatz-Freundschaftsspiel gegen Brasiliens Vizemeister Portugesa Sao Paulo ins Jahn-Stadion an der Cantianstraße - 4:1 siegten die zaubernden Brasilianer.

Morgen startet Unions zweiter Anlauf, erst im finnischen Valkeakoski, eine Woche später in Berlin. Was raten die Alt-68er ihren Enkeln? Prüfke hofft auf eine günstige Ausgangsposition für das Rückspiel: "Union ist nicht chancenlos". Hoge fordert in Valkeakoski "erst mal einen Sieg, mindestens ein Unentschieden" - und ein spannendes Rückspiel, leider im ungeliebten Jahn-Stadion ohne die einmalige Atmosphäre der Alten Försterei. "Dort wäre die Bude voll geworden, aber in der Cantianstraße kann Unions Präsident jeden Besucher mit Handschlag begrüßen", lacht Hoge und überlegt einen Moment: "Naja, sechs- bis siebentausend werden schon kommen, mindestens".

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