Sport : 1. FC Union: Neun Monate ohne Videorekorder

Claus Vetter

Mit zeitlichem Abstand lässt sich eine negative Erfahrung dann doch verarbeiten. Das ist bei Jens Härtel nicht anders. Fast neun Monate hatte sein Videorekorder Sendepause, erzählt der Kapitän des Fußball-Regionalligisten Sachsen Leipzig. Dann endlich, vor ein paar Tagen, hat Härtel die Kassette aus Osnabrück reingeschoben. Erinnerungen an ein Drama, an das denkwürdige Aufstiegsspiel zur Zweiten Bundesliga, als der 1. FC Union im Frühjahr vergangenen Jahres nach Elfmeterschießen am VfL Osnabrück scheiterte. Libero der Berliner war seinerzeit Jens Härtel.

"So etwas trägt man lange mit sich rum", sagt der 31-Jährige, "und es ärgert mich noch immer." Obwohl Härtel eigentlich derzeit bei seinem neuen Arbeitgeber ganz andere Probleme hat. Leipzig sollte aufsteigen - und steckt mitten im Abstiegskampf. Spätestens seit dem Auftritt am 17. Februar, seit dem 0:4 in Lübeck, rumoren die Fans. Härtel hat dafür Verständnis, "die Mannschaft ist sich ihrer Schuld bewusst." So sehr, dass sie ihren Fans einen Bus nach Berlin spendiert. Der wird am Sonnabend das Stadion an der Alten Försterei ansteuern. Dann müssen die Leipziger beim 1. FC Union antreten (Spielbeginn 14 Uhr).

Das Duell der beiden Filialen des Münchener Unternehmers Michael Kölmel und seiner Sportwelt AG hat für Härtel eine besondere Qualität, "alles andere wäre gelogen". Fünf Jahre hat er für Union gespielt, in Köpenick haben sie ihm schon kurz nach der Vertragsunterzeichnung in Leipzig nachgetrauert. Trainer Georgi Wassilew hat sich, als er im Mai vergangenen Jahres von Härtels Wechsel erfuhr, seinen Frust im Kabinentrakt an der Alten Försterei aus dem Leib gebrüllt. Der Bulgare machte sich in der Winterpause dafür stark, den einstigen Publikumsliebling zurückzuholen. Vergeblich. "Ich wäre gerne wieder nach Berlin gewechselt", sagt Härtel, "aber die Vereine konnten sich nicht einigen. Nun ist die Sache für mich erledigt. Ich habe noch bis 2003 einen Vertrag in Leipzig, und der wird erfüllt."

Prognosen für das Spiel am Sonnabend will er nicht abgeben. "Wir sind natürlich krasser Außenseiter, aber mal sehen, was dabei rauskommt." Schließlich hat Union mit Außenseitern nicht die besten Erfahrungen gemacht. So zum Beispiel im letzten Spiel der vergangenen Saison, als Union in einer Mini-Aufstiegsrunde ein weiteres Mal die Chance zum Sprung in Liga zwei hatte. Damals kickte Union beim weltberühmten Verein Leichtathletik Rasensport Ahlen. Jens Härtel lacht. "Nein, die Kassette mit der Spielaufzeichnung werde ich mir bestimmt nicht anschauen, ich bin ja kein Masochist." Union verlor damals 1:2, und seitdem spielt der Außenseiter Ahlen in der Zweiten Bundesliga. Dort, wo Union seit zehn Jahren hinmöchte.

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