Sport : 1. FC Union: Wenn das Stehaufmännchen zu kämpfen beginnt

Karsten Doneck

Heiner Bertram hat es schon immer gewusst. Das erste Saisonspiel im beschaulichen Lüneburg war noch gar nicht angepfiffen worden, da legte sich der Präsident des 1. FC Union bereits fest. "Von der Besetzung her ist unsere Mannschaft in dieser Saison zum größten Teil schon jetzt zweitligareif", verkündete er. Mag sein, dass Trainer Georgi Wassiliew solche Einschätzung aus dem Munde seines Vorgesetzten eher als lästig empfindet. Schließlich werden durch derlei Äußerungen die ohnehin hohen Erwartungen noch zusätzlich geschürt. Bertram scheint indes mit seiner Beurteilung des vorhandenen Personals gar nicht so falsch zu liegen. Zumindest der Blick auf die aktuelle Tabelle der Fußball-Regionalliga Nord bestätigt ihn eindeutig. Der 1. FC Union thront nach zwölf Spielen auf Platz eins - erstmals in dieser Saison. Ein Punkt trennt die Köpenicker vom Verfolger VfB Lübeck, der schon eine Partie mehr ausgetragen hat.

Eigentlich schien Union am Ende der vorigen Saison am Boden. Das zweimalige Scheitern im Aufstiegskampf innerhalb weniger Tage - erst gegen den VfL Osnabrück im Elfmeterschießen, dann bei LR Ahlen - hätte in anderen Klubs auf Jahre erfolgsverhindernde Depressionen ausgelöst. Der 1. FC Union, schon lange mit dem Stempel "Unaufsteigbar" versehen, ging nach einer kurzen Phase des Wehklagens über die Fußball-Ungerechtigkeiten dieser Welt jedoch eher gestärkt aus seinem Malheur im Aufstiegskampf hervor. Union - das Stehaufmännchen des Berliner Fußballs. "Der Verein besitzt unheimlich stabile Strukturen. Von der Geschäftsstelle bis hin zum Trainerstab - bei uns stimmt das Umfeld, und das gibt der Mannschaft den nötigen Rückhalt", meint Bertram.

Auch die zornigen Proteste der Fans wegen der Personalpolitik sind verstummt. Dass am Saisonende mit Jens Härtel und Jörg Schwanke zwei Spieler gehen mussten, die für die Union-Anhänger Identifikationsfiguren waren, hatte heftigen Verdruss bei der zahlenden Kundschaft an der Alten Försterei hervorgerufen. Plötzlich stand Bertram als Buhmann da. Vergessen war, dass er in der Nachwendezeit als erster Präsident das Kunststück fertig gebracht hat, den 1. FC Union vom Bettelstab zu trennen und ihn salonfähig zu machen. Gegen Bertram wurde massiv Stimmung gemacht, auch auf Transparenten im Stadion. "Suchen Libero und Kapitän - bieten Präsident mit Porsche", stand auf einem besonders gehässigen geschrieben.

Das alles ist kein Thema mehr. Union hat sich seine Personalpolitik nicht von dem Mann auf der Straße vorschreiben lassen, sondern sie in den eigenen vier Wänden gemacht. Dass dabei zwangsläufig auch manch unpopuläre Entscheidung getroffen wurde wie im Falle von Härtel und Schwanke, gehört zum Geschäft. Wobei der Verein ausdrücklich Wert darauf legte, dass die Trennung von Spielern intern nicht von andernorts üblichen Zänkereien begleitet wurden. Bertram sagt: "Ich kann nach wie vor allen Spielern in die Augen schauen, die wir aus dem ein oder anderen Grund abgegeben haben. Den Iwailo Adanow zum Beispiel haben wir seinerzeit vorzeitig aus dem Vertrag entlassen, der ruft noch heutzutage hin und wieder mal aus Bulgarien bei mir an."

Die Union-Elf tritt inzwischen derart stark auf, dass sie selbst die Konkurrenz in der Regionalliga ins Schwärmen versetzt. Unlängst nach dem 0:0 vor 14 000 Zuschauern in Braunschweig hob Eintracht-Trainer Reinhold Fanz zu einem dicken Kompliment an. "Union ist weiter als wir", lobte er, "die sind cleverer, routinierter, und die haben die bessere Spielanlage." Wohlgemerkt: Eintracht Braunschweig ist auch nicht irgendwer in der Regionalliga, gehört selbst zu den Aufstiegskandidaten.

Platz eins in der Liga führt den 1. FC Union aber keineswegs direkt an den Rand zum Größenwahn. Da sind eben auch noch ein paar Schwächen allzu offenkundig. "Es fehlt einer, der mal während des Spiels das Zeichen gibt zum bedingungslosen Kampf", urteilt Bertram. "Denn", so hat er erkannt, "wenn wir kämpfen, dann sind wir unwiderstehlich." Wobei der Präsident aber sogleich einschränkend anmerkt: "Ich sehe das natürlich nur laienhaft, ich bin ja kein Fußball-Lehrer."

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