10.000 Meter der Frauen : Äthiopische Meisterschaften

Die Favoritinnen im 10.000-Meter-Rennen kommen alle aus einem Land- Am Erfolg der äthiopischen Läufer haben ursprünglich auch deutsche Trainer einen Anteil.

Jörg Wenig
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Aus der Bahn. Die äthiopische Olympiasiegerin Tirunesh Dibaba (links) hat ihren WM-Start verletzungsbedingt abgesagt. -Foto: dpa

Als Paavo Nurmi vor 85 Jahren in Kuopio einen Weltrekord über 10 000 Meter aufstellte, blieben die Uhren bei 30:06,02 Minuten stehen. Es war eine von 22 offiziellen Weltbestmarken, die der legendäre finnische Läufer in seiner Karriere aufstellte. Zahlreiche inoffizielle kamen hinzu. Dass eines Tages die stärksten Frauen schneller rennen würden als Paavo Nurmi 1924, daran hätte damals sicherlich niemand geglaubt. Doch inzwischen ist das schon sieben Läuferinnen gelungen. Fünf von ihnen stammen aus Äthiopien.

So stark wie heute war die Leistungsdichte über 10 000 Meter der Frauen noch nie. Auch nicht 1993, als die Chinesinnen im WM-Jahr die Langstrecken dominierten und nie zuvor gesehene Zeiten erreichten. Die schnellste von ihnen, Wang Junxia, verbesserte damals bei den nationalen Meisterschaften in Peking den 10 000-Meter-Weltrekord um fast eine dreiviertel Minute auf 29:31,78 Minuten. Viele Spekulationen bezüglich Dopings gab es 1993 aufgrund der Rekorde der Chinesinnen. Die Zeit von Wang Junxia galt für manche als fragwürdige Bestzeit für die Ewigkeit. Die spätere Olympiasiegerin, die 1996 über 5000 Meter Gold gewann, wurde nie positiv getestet und Gleiches gilt für jene Läuferinnen, die heute immer dichter an die vermeintlich unantastbare Marke der Chinesin heranlaufen. Die Leichtathletik entwickelt sich weiter – ob dabei immer alles sauber läuft, darüber wird weiter spekuliert.

Paula Radcliffe gilt als Vorzeigeathletin in jeglicher Hinsicht. Die Britin lief 2002 als zweite Läuferin nach Wang Junxia schneller als Paavo Nurmi. Bei strömendem Regen erreichte sie in München bei der EM einen Europarekord von 30:01,09 Minuten – unter normalen Bedingungen wäre sie schon damals deutlich unter 30 Minuten gelaufen.

Das schafften jetzt vier Läuferinnen innerhalb eines Jahres: Tirunesh Dibaba wurde in Peking 2008 Olympiasiegerin in 29:54,66 Minuten vor der aus Äthiopien stammenden Türkin Elvan Abeylegesse (29:56,34). In dieser Saison blieben Meselech Melkamu, die Dibabas Afrika-Rekord auf 29:53,80 verbesserte, und Meseret Defar (29:59,20) ebenfalls unter der 30-Minuten-Marke. Bis auf Tirunesh Dibaba, die am Freitag ihren Start verletzungsbedingt absagen musste, treffen sie alle am heutigen Samstag im ersten großen Finale im Olympiastadion aufeinander. Wenn sich dabei von Anfang an ein schnelles Rennen wie in Peking entwickelt, könnten sie noch dichter an die Zeit von Wang Junxia herankommen.

An der starken Entwicklung der äthiopischen Langstreckler hat Haile Gebrselassie sicherlich einen Anteil. Seine Erfolge, die mit dem 10 000-Meter-WM- Sieg 1993 begannen, und seine Popularität sind immer noch eine Triebfeder. Schon ein Jahr zuvor allerdings kam die 10 000-Meter-Olympiasiegerin aus Äthiopien: Derartu Tulu ist eine Kusine von Tirunesh Dibaba.

Am Erfolg der äthiopischen Läufer haben ursprünglich auch deutsche Trainer einen Anteil. Vor rund 30 Jahren nutzten DDR-Athleten Addis Abeba als Höhentrainingslager. Wenn die deutschen Athleten dort trainierten, standen die äthiopischen Trainer mit Stoppuhren an der Seite und notierten jede Trainingseinheit. Später entwickelte sich ein Austausch. Die Äthiopier arbeiten heute mit einem zentralistischen System, wie es ähnlich auch in der DDR war. Die Athleten werden vor den Saison-Höhepunkten in der Regel in Addis Abeba zusammengezogen. Starts bei den lukrativen Meetings in Europa werden eingeschränkt.

In den vergangenen Jahren haben Wettkämpfe an Schulen zugenommen. So werden Talente im Landesinneren entdeckt und dann auch gefördert. Auch Athletenmanager wie der Holländer Jos Hermens, der unter anderen Haile Gebrselassie und Meselech Melkamu betreut, haben dazu beigetragen, dass die äthiopischen Läufer derartig erfolgreich sind.

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