100. Frankreich-Rundefahrt : Energiewende bei der Tour

Bei der 100. Tour de France nutzen Fahrer inzwischen eine natürliche Kraft und attackieren erfolgreich mit Hilfe des Seitenwindes. Besten Anschauungsunterricht bot die 13. Etappe.

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Trügerische Idylle. Bei der Tour de France sind manche Etappen aufgrund des Windes in diesem Jahr wieder richtig interessant. Foto: AFP
Trügerische Idylle. Bei der Tour de France sind manche Etappen aufgrund des Windes in diesem Jahr wieder richtig interessant.Foto: AFP

Wer nicht bei Anstiegen über Vorteile gegenüber der Konkurrenz verfügt, der sucht nach anderen rennentscheidenden Faktoren. Angesichts der Stärke des Briten Christopher Froome in den Bergen und beim Zeitfahren hat die Konkurrenz nun den Wind entdeckt.

Der kann tatsächlich für Unterschiede sorgen. „Attackiere niemals bei Gegenwind. Das ist zu hart. Du wirst wohl kaum genug Tempo aufnehmen, um eine Lücke herauszufahren, und kaum die Kraft haben, einen solchen Vorsprung zu halten“, warnt das australische Radsportmagazin „Cyclingtips“ zwar seine praxisorientierten Leser. Es hält auch nicht viel von Rückenwind. „Wenn sich die Sache für dich leicht anfühlt, ist das ein Zeichen, dass es auch für alle anderen leicht ist.“ Geradezu euphorisch wird das Magazin aber bei scharfen, lateral einfallenden Böen: „Attackiere bei Seitenwind! Wenn dann noch jemand mit dir geht und ihr gut zusammenarbeitet, könnt ihr das Peloton in die Knie zwingen. Entweder sie müssen euch ziehen lassen oder das Feld zersplittert in einzelne Gruppen.“

Diesem Rat liegt eine einfache Logik zugrunde. Bei frontalen Winden sind viele Fahrer, die sich im lang gezogenen Peloton befinden, von ihren Vorderleuten gut geschützt. Bei Seitenwinden erhält man den Schutz nur von Fahrern, die sich neben einem auf der dem Wind zugewandten Seite befinden.

„Siehst du, wie sich das Feld seitlich auffächert und jeder einen Nebenmann zu bekommen versucht“, kommentierte aufgeregt Lance Armstrongs früherer Teamkollege Frankie Andreu, der jetzt für das US-Fernsehen aus Frankreich berichtet, eine solche Windkante bei dieser Tour. Andreu mochte sich auch an die Tour 2009 erinnert haben, als Armstrong den Wind nutzte, um seinen teaminternen Rivalen Contador zu demütigen.

Den Anschluss kann man bei Seitenwinden sehr schnell verlieren. Der Kraft des Windes ist schließlich eine ganze Reihe von Fahrern ausgesetzt. Zeigt einer von ihnen Schwächen und lässt zum Vordermann abreißen, haben die Profis neben und hinter ihm Pech. Nur selten können sie das entstandene Loch wieder schließen.

Besten Anschauungsunterricht bot die 13. Etappe. Erst entledigte sich Team Omega der übermächtigen Sprinterkonkurrenz des Marcel Kittel. Als der bis dato Zweitplatzierte Alejandro Valverde wegen eines Defekts zurückfiel, machte auch Team Belkin vom Drittplatzierten Bauke Mollema Dampf. 30 Kilometer vor dem Ziel schließlich zeigte Contador, wie gut er die Lektion von 2009 gelernt hat. Den Seitenwind nutzend ließ er fünf seiner Saxo-Bank-Männer Tempo bolzen – und Christopher Froome verlor mehr als eine Minute.

Solche Windattacken sah man in der Prä-Epo-Ära häufiger. Das Blutdopingmittel ermöglichte es Teams wie US Postal, das Tempo derart hochzuhalten, dass diejenigen, die selbst bei Seitenwind ausscherten, sich fühlen mussten, als bliese ihnen der Wind mit voller Kraft ins Gesicht. Abstände waren so kaum herauszuholen. Dass bei dieser Tour die Winde wieder zu mehr Attacken führen, darf man auch als Hinweis auf wieder endlich werdende Kräfte werten.

Der Mont Ventoux ist als der „Berg der Winde“ bekannt. Der Mistral kann schon mal ein Team auseinander pusten. Überbewerten sollte man den Wind nicht, sagt jedenfalls Contadors Teamchef Bjarne Riis: „Zuallererst ist der Mont Ventoux ein Berg. Die Winde dort sind eine sekundäre Größe.“ Dem Dänen scheint noch nicht zu schmecken, dass sein bestbezahlter Star – 3,1 Millionen Euro jährlich werden als Salär kolportiert – in den Bergen nicht mehr das Nonplusultra ist und nun nach anderen Selektionsmöglichkeiten suchen muss. Dem Zuschauersport Tour de France tut es aber sicher gut, dass zu den doch sehr berechenbaren Faktoren Berg- und Zeitfahren nun die chaotische Komponente des Windes hinzugekommen ist.

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