100 Jahre BVB : Mit Dickel in Disneyland

Er hat als BVB-Fan viel gelitten. Eine kritische Gratulation zu Borussia Dortmunds 100. Geburtstag von Friedrich Küppersbusch.

Friedrich Küppersbusch
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Friedrich Küppersbusch, 48, moderierte von 1988 bis 1996 im WDR die Politiksendung Zak, für die er den Grimme-Preis erhielt. Heute...Foto: promo

Mein Erweckungserlebnis in Sachen Borussia Dortmund war das Pokalfinale 1989, das letzte Endspiel, zu dem man noch von Helmstedt aus durch den Transit musste. Einer von meinen Kumpels arbeitete bei einer Brauerei, wie es sich gehört in Dortmund. Wir saßen zu neunt im Ford Transit, hinten auf der Ladefläche lagerte sein Deputat – sein Haustrunk, die jährliche Bierration, die ihm als Brauereiangestelltem zustand. Alles war voller Dosen, der Fahrer konnte durch den Rückspiegel gerade so noch nach hinten schauen. Jedenfalls war das Bier schon alle, als wir in Helmstedt ankamen. Einer von uns war im Kampf gegen das Jahresdeputat so erfolgreich gewesen, dass er unter unseren fassungslosen Blicken ausstieg, um sich bei den Vopos dafür zu bedanken, dass sie die Beton-Panzersperren zu Ehren der Borussia schwarz-gelb angestrichen hatten. Das war wirklich ein großes Wochenende. Norbert Dickel hat dann im Finale gegen Bremen zwei Tore gemacht, konnte danach aber eigentlich nie mehr richtig spielen, weil er für das Spiel fit gespritzt worden war. Jetzt ist er Stadionsprecher, und die Fans begrüßen ihn immer mit seinem persönlichen Auftrittslied nach der Melodie von „Flipper“: „Wir rufen Dickel, Dickel! Bald wird er kommen. Jeder kennt ihn, den Held von Berlin.“

Auch mein schlimmstes BVB-Erlebnis hat mit Dickel zu tun. Ein paar Jahre später hatte ich sehr gute Dauerkarten, zehn Reihen hinter der Trainerbank. Mein Sohn wollte nicht mehr mit, der Platz neben mir war also leer. Da wirst du natürlich schon angeschaut wie ein Agnostiker, das geht gar nicht. Fünf Minuten vor dem Spiel war das Stadion so ruhig, als sei das eine Beerdigung. Die Zuschauer waren in den zwei Stunden vor dem Anpfiff durch die Videowall und den ganzen modernen Krempel passiv-beschallt worden. Dickel hat dann über die Stadionanlage – die natürlich jetzt top und High Fidelity und überhaupt alles war – alte Fangesänge eingespielt. Und wir sollten dann unseren eigenen alten Quatsch mitsingen, nachdem man uns mit Werbung und allem anderen Dreck abgefüttert hatte. Wie bei einer schlechten Fernsehshow, wo der Warm-Upper das „Applaus!“-Schild hochhält. Das kann ich mir beruflich jeden Tag geben. Dabei war das irgendwann auch mal ein Fußballverein und nicht Disney in Leder. I knew the bride when she used to Rock ’n’ Roll. Ich habe die beiden Dauerkarten jedenfalls nicht verlängert. Das ist natürlich Borussen-unkorrekt, weil die Karte eigentlich vom Großvater auf den Vater auf den Sohn übergeht. Ich kann also eine gewisse persönliche Entfremdung vom BVB nicht bestreiten. Ich habe eben noch erlebt, dass man ins Stadion gegangen ist, weil man das Spiel sehen wollte.

Heute bin ich nur noch selten bei Heimspielen. Das hat vor allem damit zu tun, dass mein Sohn von seiner kindlichen Begeisterung für den Klub ins völlige Desinteresse abgekehrt ist – und ich hinterherkehrte. Ganz kann ich die Nabelschnur allerdings nicht durchschneiden. Ich muss auch gar nicht im Stadion sein, um mitzubekommen, was beim Spiel passiert. Wenn der Wind richtig steht, kann ich an Spieltagen von unserem Garten den mighty roar der Südtribüne hören.

Es gab beim BVB schlimme Jahre, in denen der Klub mal diesem Investor oder jener Heuschrecke gehört hat, in denen Geld verbrannt und Namensrechte verzockt wurden. Bei uns im Viertel wurden arme Bäckerlein verklagt, weil sie aus Freude über den Meistertitel BVB-Brötchen verkauft haben. Dann hieß das Stadion plötzlich Egal-Geh-Du-Mal-Park, seitdem spreche ich den Namen gar nicht mehr aus. Das ist alles eine Entfremdung, eine Vertrademarkung. Es gibt jetzt auch eine rosafarbene Damen-Fanschal-Kollektion, da packst du dir an den Kopf.

Möglicherweise hatte es aber eine heilsame Wirkung, dass Dortmund als erster Klub eine AG geworden ist – und dadurch als erster Klub in einen Totalschaden gelaufen ist. Jetzt versuchen sich die Dortmunder darüber zu definieren, dass sie nicht die doofen Hoffenheimer sind, die so kommerziell sind – sondern der erdige und wahrhaftige BVB. Das muss nicht unbedingt stimmen, könnte aber dafür sorgen, dass es den Klub noch ein paar Jahre gibt. Die Vorstände sagen jetzt: Die anderen machen Business, wir versuchen irgendwie die ehrliche Haut zu geben. Das ist für die Fans dann glücklicherweise auch einklagbar.

Die Südtribüne singt aber immer noch wie früher, der Klub hat durchgesetzt, dass es da immer noch Stehplätze gibt. Als mal die Fahne der Südtribüne geklaut wurde, war das in der Dortmunder Presse wochenlang Thema, ein Politikum. Der Verein weiß, dass er nur mit der Zuschauerfraktion der Bankkaufmänner, die heute Dortmund, morgen Bayern und übermorgen Golf und Tennis schick findet, nicht weit kommt. Die gehen ja ins Stadion, weil sie ein Stück Authentizität spüren wollen. Dortmund hat aber eben keinen Stahl und keine Kohle mehr. Und nur noch eine Brauerei, die eigentlich auch keine Rolle spielt. Dafür ist die Stadt einer der größten Versicherungsstandorte in Deutschland. Und das merkt man an den BVB-Zuschauern schon. Das sind keine Leute mehr, die mittags vor dem Spiel noch mit ’m Schwarzbus inne Kaue fahren, einander Kohle vom Rücken schrubben. Viele Dortmunder sehen sich die Spiele jetzt in der Kneipe an, dafür kommen mehr Sauerländer und Siegerländer ins Stadion. Schalke hingegen hat mehr Anziehungskraft im Münsterland. Da, wo die Bauern wohnen.

Natürlich sind Feindbilder wie Schalke oder Bayern auch für den BVB wichtig – besonders in Zeiten, in denen es schwer ist, bei allen Transfers auch nur den Kader im Kopf zu behalten. Freunde von mir hatten mal eine Website, „www.50JahrekeinDeutscherMeister.de“, auf der Spenden gesammelt wurden, um den Schalkern etwas Schönes zum erneuten Nicht-Erringen der Meisterschaft zu schenken. Das finde ich schon lustig. Das war eine nette Geste, sehr menschlich, so etwas wie Entwicklungshilfe. Andy Möller haben sie auch gerne von uns haben können. Mein Hausarzt hat blaue Lamellen im Wartezimmer, da hängt auch ein Foto von seinen Kindern mit Gerald Asamoah. Da bleibe ich ja schon gesund, weil ich keinen Bock hab, zu dem hinzugehen. Und die Bayern schnipsen sowieso sofort mit dem Finger, wenn man fragt: „Ist hier irgendjemand ein Arschloch?“ Das ist Fußball für BMW-Fahrer, die müssen immer mit Fernlicht und Warnblinker unterwegs sein.

Hier in Dortmund ist das Jubiläum der Borussia natürlich schon das ganze Jahr über präsent. Jetzt, im Dezember, ist man als Insasse der Stadt gesättigt, was das Thema angeht. Zu den pompösen Geburtstagsfeierlichkeiten des BVB bin ich nicht eingeladen worden, das sehe ich aber als Akt der Freundschaft. Ich habe zwar darüber nachgedacht, eine Sendung zum 100. Geburtstag zu machen, daraus ist nichts geworden.

In meinen 271 Sendungen „Zak“ ist aber nie jemandem aufgefallen, dass immer irgendwo ein BVB-Schal zu sehen war. Einmal, ich meine Herr Westerwelle lief schon in der Maske auf und ab, musste ich noch mal in mein Büro hochrennen, weil ich den Scheißschal vergessen hatte.

Aufgezeichnet von Lars Spannagel.

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