100 Jahre Trabrennbahn Mariendorf : Auf und Ab im Dauertrab

Die Rennbahn Mariendorf war Sinnbild der Goldenen Zwanziger, des Wirtschaftswunders und West-Berlins. Zum 100. Geburtstag am Dienstag ringt sie ums Überleben – wieder einmal.

Heiko Lingk
Volles Haus zum Auftakt: Schon zur ersten Rennsaison 1913 waren die Ränge auf der Trabrennbahn gut gefüllt.
Volles Haus zum Auftakt: Schon zur ersten Rennsaison 1913 waren die Ränge auf der Trabrennbahn gut gefüllt.Foto: Archiv Gerd von Ende

Die Geschichte beginnt mit einem grausamen Mord. Denn die Anfänge der Pferdezucht und damit des europäischen Trabrennsports wurden maßgeblich von Alexei Grigorjewitsch Orlow bestimmt. Einem Mann von riesiger Gestalt mit einem von Narben entstellten Gesicht, der bei einem Staatsstreich in Russland eine blutrünstige Rolle spielte. 1762 erwürgte Orlow den Zaren Peter III. und rief dessen Frau, die spätere Katharina die Große, zur Thronfolgerin aus. Seine politische Karriere war von Gräueltaten beherrscht – doch Orlows geheime Leidenschaft galt vor allem schnellen Pferden. Getrieben von dem Ziel, ein ideales Postkutschenpferd zu züchten, entwickelte er durch Kreuzungen die Rasse der nach ihm benannten Orlow-Traber.

Dieser Pferdebestand, der sich durch extreme Ausdauer auszeichnete, bildete zusammen mit der französischen und amerikanischen Zucht die Basis für den Trabersport. Die Rennbahnen schossen Ende des 19. Jahrhunderts überall in Deutschland wie Pilze aus dem Boden. Manch exotischer Umstand tat sein Übriges dazu, insbesondere in der Hauptstadt Berlin. Dort ließ im Jahr 1876 ein russischer Zirkusdirektor namens Albert Salamonski seine Pferde in improvisierten Schaurennen gegen Vierbeiner aus Berliner Privatbesitz antreten – hauptsächlich Transportpferde von Bäckern und Schlachtern, die die Geschwindigkeit ihrer Vierbeiner austesten wollten. Zu diesen wilden Straßenrennen strömte eine von Tag zu Tag anwachsende Menschenmenge. Bald waren es Zehntausende Zuschauer – es herrschte Chaos und der öffentliche Verkehr brach zusammen. Der Berliner Trabrennsport war geboren.

Innerhalb weniger Jahre gründeten sich Rennvereine in den Bezirken Weißensee, Westend und Ruhleben. Und obwohl die am 9. April 1913 eröffnete Mariendorfer Piste im Reigen dieser Neugründungen an zeitlich letzter Stelle stand, nahm die Bahn schon bald den Spitzenplatz in der Beliebtheitsskala ein. Sogar der Kaisersohn Oskar von Preußen war dabei, als sich das erste Mal Pferde auf das Mariendorfer Sandgeläuf begaben. Doch die dunklen Wolken, die am Eröffnungstag über dem Süden der Hauptstadt hingen, ließen nichts Gutes erahnen. Aufgrund der Misswirtschaft seiner zerstrittenen Führungsriege war der Mariendorfer Rennverein schon zum Jahresende 1913 pleite und konnte nicht einmal mehr die Pacht für das Gelände bezahlen.

Doch die Rettung nahte in Gestalt des Berliner Verlegers Bruno Cassirer. Er war ein Mann, dessen Herz gleichermaßen der Kunst und dem Sport gehörte und der Mariendorf mit seinem Vermögen wieder auf die Beine half. Cassirers Verlagsgebäude in der Derfflinger Straße im Bezirk Tiergarten wurde zum Treffpunkt einer buntgewürfelten Gesellschaft. Im Büroflur herrschte Tag für Tag hektisches Treiben und die Sitzplätze waren begehrt wie in einer Arztpraxis. Dichter wie Christian Morgenstern und Maler wie Max Liebermann warteten häufig gemeinsam mit Trabrennfahrern wie Charlie Mills auf einen Gesprächstermin mit Cassirer. Und während der Verleger die Gagen mit den Künstlern aushandelte, zeichnete er zwischendurch schnell die Rechnungen seines bei Falkensee gelegenen Gestüts Damsbrück für erhaltene Heu- und Futterlieferungen ab.

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