• 100-Meter-Lauf bei der Leichtathletik-WM: Christian Coleman: Der stille Herausforderer

100-Meter-Lauf bei der Leichtathletik-WM : Christian Coleman: Der stille Herausforderer

Christian Coleman ist bei der Leichtathletik-WM der härteste Rivale von Usain Bolt auf der 100-Meter-Strecke. Doch kaum jemand kennt den US-Amerikaner.

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Zielsicher. Coleman will Bolt die Abschiedsparty vermiesen.
Zielsicher. Coleman will Bolt die Abschiedsparty vermiesen.Foto: Patrick Smith/AFP

Der Mann, daran besteht kein Zweifel, ist sehr aufgeregt. Man muss das verstehen. Er ist gerade einmal 21 Jahre alt, er studiert in den USA und hat außer seinem Heimatland noch nicht viel gesehen. Christian Coleman sitzt bei der Abschlusspressekonferenz der US-amerikanischen Leichtathleten bei der WM in London zusammengekauert zwischen seinen Teamkameraden. Diese sind allesamt hochdekorierte Leichtathleten, Olympiasieger, Weltmeister und selbstbewusste Plaudertaschen. Coleman nuschelt inmitten all dieser Champs mit brüchiger Stimme in das Mikrofon: „Es wäre verrückt, wenn ich ihn schlagen würde.“

Mit „ihn“ meint Coleman Usain Bolt, die Sprinter-Legende, der in London seine letzten Rennen über 100 Meter läuft und vor allem dieses Einzelfinale am Samstag (22.45 Uhr/ARD) gewinnen will. Spätestens nach dem verletzungsbedingten Ausfall des Kanadiers Andre de Grasse gibt es neben dem Jamaikaner Yohan Blake wohl nur einen, der Bolt den Abschied vermiesen kann: den stillen Coleman.

Wer kein gesteigertes Interesse an der Leichtathletik hat, der wird den Namen Christian Coleman noch nicht gehört haben. Coleman sagte jüngst sogar selbst, dass er sich darüber bewusst sei, dass er ein unbeschriebenes Blatt sei, dass jeder Usain Bolt kenne, aber niemand ihn. Deswegen wäre es tatsächlich verrückt, wenn der No-Name Coleman Bolt besiegen würde. Allerdings spricht ein bedeutender Fakt für Coleman: Er ist schneller als Bolt, zumindest in dieser Saison.

Coleman führt die Bestenliste über 100 Meter in diesem Jahr mit 9,82 Sekunden an, er ist sechsmal unter zehn Sekunden gelaufen. Bolt dagegen hat die Zehn-Sekunden-Marke mit seinen 9,95 Sekunden vor zwei Wochen in Monaco nur einmal geknackt. Deswegen ist es auch nachvollziehbar, wenn Coleman in London leise sagt: „Es ist mein erster internationaler Wettkampf hier. Trotzdem ist es mein Ziel, ihn zu gewinnen.“

Coleman blieb in dieser Saison schon sechsmal unter 10,00 Sekunden

Es wirkt fast so, als liefe Coleman in seinem eigenen Kosmos, in einem, der von den anderen nicht registriert wird. Selbst die Wettbüros schätzen die Chancen auf einen Sieg Colemans als mickrig ein. Für einen Euro auf Sieg Coleman zahlen die meisten Büros zwölf Euro aus, für Bolt gibt es zwischen 1,40 und 1,50 Euro zurück. Und auch bei dieser WM, wo sich das Aufeinandertreffen zwischen dem lauten Bolt und dem stillen Coleman wunderbar vermarkten ließe, findet Coleman kaum statt. Jedes Werbeplakat, jedes elektronische Banner zeigt Bolt.

Warum Coleman nicht die Aufmerksamkeit erfährt, die er verdient hätte, hat nicht nur damit zu tun, dass der Mann international keine großen Auftritte hatte. Vielmehr liegt etwas Grundsätzliches im Argen mit der Leichtathletik in den USA. So befindet sich auf der Abschluss-PK in London auch Allyson Felix. Die 31-Jährige Sprinterin hat bislang in ihrer Laufbahn unter anderem sechs Goldmedaillen bei Olympischen Spielen sowie neun Titel bei Weltmeisterschaften gewonnen, mehr als jede andere vor ihr. Und dennoch: Auch sie ist kein Star. „Fragen sie in den USA jemanden auf der Straße nach Leichtathletik-Stars“, sagt sie, „man wird ihnen etwas von 1996 und Michael Johnson erzählen.“

Tatsächlich hat die Popularität der Leichtathletik in den USA in den vergangenen Jahren stark abgenommen. Die Meetings sind nicht mehr gut besucht, die Einschaltquoten sind nur noch bei Olympischen Spielen hoch. Schuld ist die amerikanische Leichtathletik aber auch selbst. Sie produzierte nach dem besagten Michael Johnson zwar weiter zuverlässig ihre Vorzeigeathleten wie etwa Marion Jones, Tyson Gay oder Justin Gatlin. Nur wurden sie alle des Dopings überführt.

Wenn also Christian Coleman kaum jemand kennt, liegt das am allerwenigsten an ihm selbst, sondern an den vielen Betrügern vor ihm. Am Samstag kann er zum Star werden – und bleiben, wenn er auch in Zukunft gewinnt und dazu sauber bleibt.

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