Sport : 100 Meter mit Verlängerung

Das Zielfoto kürt Veronica Campbell aus Jamaika zur besten Sprinterin der Welt

Friedhard Teuffel[Osaka]

Sprintfinals sind manchmal viel zu schnell vorbei, da kann eine kleine Verlängerung nicht schaden. Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Osaka bestand die Verlängerung aus Regungslosigkeit, die mindestens genauso spannend war wie das Rennen zuvor. Welche Frau hatte den Weltmeisterschaftslauf über 100 Meter gewonnen? Weil es keine der Athletinnen beim Überqueren der Ziellinie wusste, hatte keine von ihnen die Arme zum Jubeln hochgerissen. Und so wie sie eben noch alle in eine Richtung gerannt waren, so schauten sie jetzt wieder in eine Richtung: hinauf zur Anzeigetafel.

Dort leuchtete zuerst die Amerikanerin Torri Edwards als Siegerin auf. Doch das konnte nicht sein, sie hatte noch einige vor sich gehabt, so viel wussten alle und vor allem sie selbst. Das Ergebnis bedeutete daher keine Erlösung. Dann verschwand der Name von Edwards und Lauryn Williams tauchte auf – allerdings als Zweitplatzierte. Konnte das sein? Auf einmal war die Tafel ganz dunkel. Es dauerte noch einige Sekunden. Schließlich gab sie die wirkliche Reihenfolge wieder: Weltmeisterin Veronica Campbell aus Jamaika, hinter ihr Lauryn Williams aus den USA, zwar zeitgleich in 11,01 Sekunden, aber auf dem Zielfoto um Millimeter hinter Campbell. Es war genau die umgekehrte Reihenfolge wie beim letzten WM-Finale vor zwei Jahren in Helsinki.

Was konnte man dazu sagen? „Es war ein unglaublich enges Rennen, und ich kann Gott nur danken, dass ich gewonnen habe“, sagte Campbell. Eines habe sie gewusst: „Ich hatte ein sehr gutes Finish.“ Aber zu feiern wagte sie erst, als das gesamte Ergebnis auf der Anzeigetafel stand und ihr Lauryn Williams gratuliert hatte. Es war nicht nur der Ausgleich zwischen Campbell und Williams, was die WM-Titel über 100 Meter betrifft, sondern auch der Ausgleich von Jamaika gegen die USA. Am Abend zuvor hatte Asafa Powell in Osaka gegen Tyson Gay verloren. Doch Campbells Sieg bleibt in der amerikanischen Trainingsgruppe. Sie trainiert in Arkansas mit Tyson Gay und wird sich freuen, dass an diesem Dienstag ihr Trainer Lance Brauman vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird. Er hatte Studenten illegal zu Stipendien verholfen.

Doch auch mit einer Jamaikanerin fühlt sich Campbell verbunden: Merlene Ottey. „Sie hat mir vor ein paar Wochen eine E-Mail geschrieben und mir Glück gewünscht. Sie ist so eine großartige Athletin“, erzählte sie. Ihrem Idol Ottey hatte Campbell schon zwei goldene Olympiamedaillen voraus, über 200 Meter und in der Sprintstaffel in Athen 2004. Jetzt hat sie auch das glückliche Fotofinish für sich gehabt, während Ottey im 100-Meter-Finale von Stuttgart 1993 im Duell gegen die Amerikanerin Gail Devers den Titel um Tausendstelsekunden verpasste.

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