100-Meter-Sieg : Verena Sailer pusht die deutsche Leichtathletik

Für die deutsche Leichtathletik ist die Plakette von Verena Sailer viel mehr als eine Goldmedaille. Ihr Sieg über 100 Meter könnte der Leichtathletik hierzulande insgesamt zu mehr Glanz verhelfen.

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Mit breiter Brust voran. Verena Sailer holte im Sprint erstmals seit 20 Jahren wieder Gold für Deutschland.
Mit breiter Brust voran. Verena Sailer holte im Sprint erstmals seit 20 Jahren wieder Gold für Deutschland.Foto: AFP

Es sah so aus, als würde sie gleich auf die Bahn stürzen. Sie hatte ein bisschen viel Vorlage, zwei Schritte lang fasste sie nicht richtig Tritt, nachdem sie aus dem Startblock in das Halbfinale der Leichtathletik-Europameisterschaften geschnellt war. Ihre Jagd nach der Medaille über 100 Meter hätte abrupt beendet sein können. „Es war ein Schock für mich“, sagte Verena Sailer. „Aber ich habe das auch gebraucht. Ich war vor dem Start nicht nervös genug. Ich habe diesen Tritt gebraucht.“ Am Ende rannte sie nach 11,06 Sekunden bei 2,2 Metern Rückenwind pro Sekunde als Siegerin durchs Ziel.

Dieser Tritt war der Beginn ihrer Erfolgsgeschichte. Die endete am Donnerstagabend nach 11,10 Sekunden, acht Hundertstelsekunden unter ihrer bisherigen Bestzeit. Hauchdünn gewann Verena Sailer von der MTG Mannheim das Finale. Eine Deutsche ist Europameisterin über 100 Meter – in der Königsdisziplin, sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen. Die letzte deutsche Europameisterin kam aus Neubrandenburg und hieß Katrin Krabbe. Das ist 20 Jahre her, es sind nicht die besten Erinnerungen. Krabbe wurde wegen Medikamentenmissbrauchs gesperrt.

Vor der obligatorischen Dopingprobe nach ihrem Sieg, als ein deutscher Betreuer, der sie zu den Kontrolleuren führen sollte, schon drängelte, sagte Sailer: „Es ist unglaublich.“ Sie hatte die beste Reaktionszeit, aber die Französin Veronique Mang, auf der Bahn gleich neben ihr, lieferte ihr ein hartes Duell. „Ich habe gewusst, dass ich auf den letzten Metern sehr stark bin“, sagte Sailer. „Aber es war sehr, sehr hart.“ Am Ende waren sie durch eine Hundertstelsekunde getrennt.

Fast zeitgleich standen dann drei Frauen, gehüllt in Deutschlandfahnen, auf der Bahn. Sailer, die Sprinterin, und Linda Stahl und Christina Obergföll, die Gold- und Silbermedaillengewinnerinnen im Speerwerfen. Eine Sprinterin und Kraftsportlerinnen auf Augenhöhe, das hat symbolische Bedeutung.

Für die deutsche Leichtathletik ist die Plakette von Verena Sailer viel mehr als eine Goldmedaille. Sie pusht die ganze Sportart. Es geht um die gefühlte Bedeutung, um Emotionen, um die Frage, mit welchen Stars man sich besonders identifizieren kann. Die zuverlässigsten Medaillengewinner der deutschen Leichtathleten haben muskulöse Oberarme, oft Beine dick wie junge Baumstämme und schieben mitunter einen Bauch vor sich her. Es sind Kugelstoßer, Diskuswerfer, Hammerwerferinnen, Speerwerferinnen, es sind Athleten, die hart trainieren und, wenn sie sauber arbeiten, alle Anerkennung und großen Respekt verdienen.

Aber es sind nicht die Typen und nicht die Disziplinen, mit denen die Masse der Fans mitfiebern kann. Es sind Einzelkämpfer, sie steigen allein in den Ring oder sie werfen allein, der direkte Vergleich fehlt. Beim Lauf ist es anders. Dort kämpft man Körper an Körper, Sieger und Besiegte sind sofort zu erkennen. Und in der spektakulärsten aller Laufdisziplinen, den 100 Metern, wird so ein Duell als größtes Spektakel inszeniert.

Das Fernsehen kämpft bei Leichtathletik-Übertragungen um Quoten, es fehlt die Mischung aus Stars, mit denen man die Zuschauer fängt, und den attraktiven Disziplinen. Bei Dieter Baumann, dem 5000-Meter-Olympiasieger von 1992, hat es geklappt. Er lieferte wunderbare Bilder, er erzeugte Emotionen, er galt als positiver Typ, bevor er in seine mysteriöse Doping-Zahnpasta-Affäre geriet. Bei Katrin Krabbe funktionierte es auch, obwohl sie die ganze Zeit vom Dopingverdacht umweht war. Verena Sailer könnte jetzt diese Lücke schließen, die Krabbe und Baumann hinterlassen hatten. Sie läuft noch in der Staffel, und die hat sogar Goldchancen. Die Bilder von Barcelona passen zu den Szenen von der WM 2009, als die Schlussläuferin Sailer ins Ziel stürzte und die Deutschen vom ganzen Stadion frenetisch gefeiert Bronze gewannen. Das sind genau die Emotionen, die zur Identifikation beitragen.

Wenn man dieses Gold auf die rationale Ebene reduziert, ist Sailer nur Europameisterin geworden. In der Weltspitze hätte sie keine Chance auf eine Medaille. Mit ihrer Siegeszeit vom Donnerstag wäre sie im WM-Finale 2009 in Berlin Siebte geworden, allerdings gab es dort minimalen Rückenwind, in Barcelona hatte sie etwas Gegenwind.

Es wäre auch fatal, diesen Titel sportlich zu überhöhen und Erwartungen zu schüren, die nur enttäuscht werden können. Verena Sailer ist eine Athletin, die für spannende Duelle gut ist, sie wertet die Sportart auf, mehr erstmal nicht.

Aber das kann durchaus genügen. Mehr Erfolg, viel schnellere Zeiten, können auch kontraproduktiv sein. Sie erzeugen Zweifel und Fragen. Arbeitet sie wirklich mit sauberen Mitteln? Solche Fragen. Katrin Krabbe ist mit 10,89 Sekunden Europameisterin geworden.

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