Sport : 100 Sekunden Grausamkeit

Wie Nürnberg im Uefa-Cup alles verspielte

Hans Böller

Nürnberg - An selber Stelle hatten sie im Herbst die unglaublichen fünf Minuten beim 2:1 gegen AZ Alkmaar gefeiert – Marek Mintal hatte im Schlussakt ein Spiel gedreht, das längst gegen den 1. FC Nürnberg gelaufen schien. Es war Nürnbergs erster Uefa-Cup-Sieg seit 19 Jahren, und jetzt, gegen Benfica Lissabon, standen diese Nürnberger kurz vor ihrem schönsten Augenblick der Saison. Doch in zwei Minuten verspielten sie alles.

Der Uefa-Cup als Karussell der Emotionen; in Nürnberg wussten sie am Ende nicht, ob sie sich freuen sollten über eine famose Elf. Oder einfach nur heulen. Wie Iwan Sajenko. „Ich bin traurig, so traurig“, sagte der kleine Russe und kämpfte gegen die Tränen. Sajenko – man hatte dabei zusehen können, wie sein Selbstvertrauen während dieses besonderen Spiels wuchs. Der quirlige Sajenko, beim 0:2 in Bremen vom Platz gestellt, füllte mit seinem Treffer zum 2:0 gegen Lissabon ein Stadion mit Leidenschaft, wie man sie seit den traumhaften Nürnberger Frühlingstagen nicht mehr sah. Sieben Minuten nach dem Führungstor durch Angelos Charisteas nahm Sajenko Luis Felipe den Ball ab und vollendete mit Leichtigkeit – Abstiegskandidat Nürnberg stand im Achtelfinale des Uefa-Cups. Für 24 Minuten.

Keine 100 Sekunden waren mehr zu spielen, als der Ball wie eine Flipperkugel vor dem Nürnberger Strafraum herumsprang – direkt vor die Füße von Cardozo. Benficas Stürmer missglückte der Schussversuch. Jetzt sah man Entsetzen wie in Zeitlupe: Der Ball sprang auf, einmal, zweimal – dann war es still im Stadion, ganz still. Die Kugel lag im Tor, Nürnberg war ins Herz getroffen, nach dem 0:1 im Hinspiel ausgeschieden. Das 2:2 durch di Maria in der Nachspielzeit wirkte wie die letzte Laune eines grausamen Schicksals.

Noch minutenlang schaute Ivan Sajenko mit leeren Augen auf die Ränge, die sich leise leerten. „Er hat ein Riesenspiel abgeliefert“, lobte Trainer Thomas von Heesen den großen kleinen Kämpfer – der jetzt doch weinte. Nürnberg ist zurück im Abstiegskampf, am Sonntag kommt Cottbus. Die europäischen Ballnächte sind jäh beendet, der Trainer wollte 14 Stunden später nicht mehr zurückschauen. „Es ist Geschichte“, sagte von Heesen. Eine tragische Geschichte. Hans Böller

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