100 Tage vor den Winterspielen in Sotschi : Olympia von Skandalen umringt

Unter Palmen und vor schneebedeckten Gipfeln: In 100 Tagen werden in Sotschi die Olympischen Winterspiele 2014 eröffnet. Es ist ein herausragendes Prestigeprojekt Russlands. Doch von vielen Seiten gibt es Kritik. Wie ist der Stand der Vorbereitungen?

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Foto: Reuters

In 100 Tagen, am 7. Februar 2014, wird im russischen Schwarzmeerkurort Sotschi das olympische Feuer entzündet. 15000 Männer und Frauen tragen die Flamme seit Anfang Oktober quer durch Russland. Rund 65000 Kilometer legen sie dabei zurück Eine Entfernung, die dem anderthalbfachen Umfang des Äquators entspricht. „Ein Rekord, der nicht zu brechen ist“, triumphierte Cheforganisator Dmitri Tschernyschenko schon im Januar auf einer Pressekonferenz. Was er damals nicht ahnte: Bisher gab die Flamme schon mehr als zwei Dutzend Mal den Geist auf. Zwar werden die Spiele mit Kosten von bis zu 50 Milliarden Euro – wie ein Bericht der Opposition in Russland vermutet – die teuersten in der Geschichte der Olympischen Bewegung. Doch ausgerechnet beim Prestigeprojekt Fackel wurde offenbar gespart.

Welche Rolle spielt Olympia in Sotschi für Präsident Wladimir Putin?

Putin kämpfte 2006 für die Vergabe der Spiele mit vollem Einsatz. Noch immer schmerzt der Boykott der Olympischen Sommerspiele 1980, mit dem der Westen den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan abgestraft hatte. Natürlich haben die Russen als Gastgeber das ehrgeizige Ziel, die meisten Medaillen zu holen und arbeiten seit Jahren mit ihrer Sport- und Talentförderung daraufhin. Vor allem aber sollen die Spiele dazu beitragen, dass die Kritik an Russlands Sonderweg zu Rechtstaatlichkeit und Demokratie verstummt.

Mit dem Showdown unter Palmen vor den schneebedeckten Viertausendern des Nordostkaukasus soll Russland als jenes „Land der Träume“ inszeniert werden, wie es Dmitri Medwedew – Putins Platzhalter auf Zeit für den Chefsessel im Kreml – mit viel Liebe zum Detail beschrieben hatte. Das größte Hindernis dabei ist Putin selbst. Er hat Russland ein politisches System aufgezwungen, das dem sowjetischen Unterdrückungsstaat immer ähnlicher wird.

Sotschi ein Jahr vor den Winterspielen
Untypisch. Beim Blick auf die endlosen Baustellen und das Schwarze Meer im Hintergrund drängt sich nicht sofort der Gedanke auf, dass Sotschi ein Wintersportort ist. Andererseits: das mit den Baustellen und Olympia kennt man ja.Weitere Bilder anzeigen
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07.02.2013 11:40Untypisch. Beim Blick auf die endlosen Baustellen und das Schwarze Meer im Hintergrund drängt sich nicht sofort der Gedanke auf,...

Unter welchen politischen Rahmenbedingungen findet Olympia 2014 statt?

Antidemokratische Gesetze marginalisieren Opposition und Zivilgesellschaft, kritische Medien werden wieder an der ganz kurzen Leine geführt, eine abhängige Justiz fällt Urteile bei politisch aufgeladenen Verfahren häufig nicht nach Faktenlage, sondern nach Zweckmäßigkeit. Putin begann mit dem Rückbau der Demokratie kurz nach seiner Wahl im März 2000. Als Vorwand mussten Terrorismus und Extremismus herhalten. Die Erfolge halten sich in Grenzen. Der Nordkaukasus, zu dem auch Sotschi gehört, ist noch immer die gefährlichste Region Russlands. Allein 2012 wurden dort nach Erkenntnissen der International Crisis Group 1225 Menschen Opfer von Gewalt. Auch der Europarat kritisiert regelmäßig Folter, Morde, Entführungen, willkürliche Verhaftungen oder Gewalt gegen Frauen. Sportler und Besucher werden sich auf schärfste Sicherheitsvorkehrungen einrichten müssen. Der nordkaukasische Topterrorist Doku Umarow hatte im Juli zu Anschlägen aufgerufen, um die Spiele zu verhindern. Doch Innenministerium und Geheimdienst versprechen sichere Wettkämpfe. Zuletzt warnten unabhängige Experten, in Sotschi werde es einen Lauschangriff der Geheimdienste auf Telefone sowie eine totale Überwachung des Internets geben.

Wegen der Diskriminierung sexueller Minderheiten kam auch schon viel Kritik von Sportlern. Kürzlich äußerte sich erst der US-Skistar Bode Miller vor seiner fünften Olympiateilnahme und sagte es sei „einfach beschämend“. Boykott-Aufrufe gibt es allerdings kaum von Sportlern. Die lesbische österreichische Skispringerin Daniela Iraschko, die kürzlich ihre Freundin geheiratet hat, sagt, es gehe ihr bei Olympia allein um das Sportliche.

Drohen Konflikte wegen Repressalien gegen Homosexuelle?

Das kürzlich von der Duma verabschiedete Gesetz zum "Schutz Minderjähriger vor Propaganda von Homosexualität" verbietet auch die öffentliche Selbstdarstellung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen. Diese halten jedoch an Plänen zu einer Parade parallel zur pompösen Eröffnungsfeier fest. Krawalle und Zusammenstöße mit der Polizei sind vorhersehbar, auch während der Spiele gelte russisches Recht und werde konsequent angewendet, drohten kremlnahe Abgeordnete bereits. Diskriminierungsvorwürfe weisen sie zurück: Die IOC-Statuten würden an Wettkampfstätten nur Kundgebungen gestatten, die mit Sport zu tun haben. Putin setzte jetzt noch einen drauf: Auch schwule Sportler würden sich in Sotschi wohlfühlen. Dafür würde Russland alles tun.

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