100. Tour de France : Warten und Fragen stellen

An diesem Sonntag endet die 100. Tour de France in Paris. Der Gesamtsieger Chris Froome ist jedoch nicht unumstritten - obwohl sein Schwächeanfall zum Ende der Rundfahrt die Verdächtigungen abdämpften.

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Lust am Leiden. Beim Anstieg nach L’Alpe d’Huez ließ sich auch in diesem Jahr auf kleinstem Raum erleben, was die Tour de France für viele Menschen so faszinierend macht.
Lust am Leiden. Beim Anstieg nach L’Alpe d’Huez ließ sich auch in diesem Jahr auf kleinstem Raum erleben, was die Tour de France...Foto: afp

Die 100. Tour de France geht am Sonntag mit dem Novum eines Nachtspektakels auf den Champs Élysées zu Ende. Für die Organisatoren war die Jubiläumstour ein Erfolg. Ungebrochen war der Zuschauerzuspruch an den Straßen, leicht aufwärts ging es sogar mit den Einschaltquoten im Fernsehen. Und um den voraussichtlichen Sieger gibt es eine differenzierte Debatte, wie sie sich bisher keine andere Sportart geleistet hat. Tony Martin freut sich auf Paris. „Vier Mal bin ich bei Tageslicht dort angekommen. Jetzt bin ich gespannt, wie die Stadt nachts aussieht“, blickte der Sieger des Zeitfahrens der 11. Etappe auf den Schlusstag voraus. Martin war auch mit dem Heilungsprozess seiner Sturzwunden zufrieden. „Nur drei Stellen sind noch offen. Das einzige, das richtig weh tut, sind die Beine. Aber das ist normal.“

Zufrieden war auch der Chef der Streckenplanung der Tour de France, Jean Francois Pecheux. „Alles ist gutgegangen. Wir haben hervorragenden Sport gesehen mit Attacken am Berg und Attacken bergab. Windkanten haben für Belebung gesorgt und es gab starke Tage und weniger starke Tage für die Rivalen in der Gesamtwertung“, lautete sein Fazit.

Er durfte sich darüber freuen, dass seine Landsleute die Tour im Fernsehen wieder besser annahmen als in den vergangenen Jahren. Die Durchschnittsquote von 3,6 Millionen Zuschauern bei den Liveübertragungen lag leicht über der in den Vorjahren. Spitzenwerte erzielten die Etappen zum Mont Ventoux am Nationalfeiertag mit 6,2 Millionen Zuschauern und der zweifache Aufstieg nach L’Alpe d’Huez mit 5,3 Millionen. Bemerkenswert dabei: Jeder zweite Franzose, der in dieser Zeit den Fernseher angeschaltet hatte, hatte auf den Tourkanal gestellt.

Konnten sie im ersten Falle einem beeindruckenden Sieg des Trägers des Gelben Trikots auf dem wohl mythischsten Tourberg beiwohnen, so wurden sie bei der Übertragung aus L’Alpe d’Huez Zeugen einer leichten Schwäche Froomes. Erstmals konnte er den Attacken des neben ihm und seinem Teamgefährten Richie Porte wohl stärksten Kletterers, Nairo Quintana, nicht folgen und verlor im Kampf Mann gegen Mann eine Minute. Auch auf der 20. Etappe hängte der Kolumbianer Froome noch einmal ab und siegte auf der letzten Alpenetappe im Alleingang. Den Gesamtsieg dürfte der Brite dennoch sicher haben. Allerdings gibt es berechtigte Zweifel, an die von Froome selbst angekündigte mehrjährige Dominanz zu glauben. „Wer soll Quintana in zwei Jahren schlagen, wenn der so weiter macht? Der sah hier ja niemals gestresst aus“, sah Omegas Sportdirektor Rolf Aldag einen zukünftigen Sieger heranwachsen.

Christopher Froome: Als „Froomstrong“ titulierte die Tageszeiting „Le Monde“ den überlegenen Spitzenfahrer

Vor allem führte Froomes Schwächeanfall dazu, dass die Verdächtigungen gegen ihn gedämpfter ausfielen. Der Energiemangel in L’Alpe d’Huez machte aus dem „superhumanen“ Sky-Kapitän wieder einen Menschen, einen Mann, der leidet und anderen hinterherfährt. Dennoch sind die Antennen in seinem Fall weiterhin in Alarmrichtung. Als „Froomstrong“ titulierte die Tageszeiting „Le Monde“ den überlegenen Spitzenfahrer. Zu sehr hatte er sich in die Verdachtsregionen gefahren. Zu bekannt klingen Erklärungen wie „genetische Vorteile“, „hartes Training“ und „großes Talent“. Sie schließen Doping nicht aus. Die Radsportwelt teilt sich in Zweifler und Gläubige. Ein Ex-Doper wie Riccardo Ricco sagt spöttisch: „Endlich hat der Radsport einen sauberen Fahrer gefunden, der die Rekorde der Gedopten bricht.“ David Millar, ein anderer Ex-Doper, der noch bei der Tour de France dabei ist, vertraut hingegen Froome. „In zehn, fünfzehn Jahren werden die Leute, die Froome jetzt verdächtigen, sich fragen müssen: ’Oh Mann, was haben wir bloß getan?’“

Omega-Entwicklungsdirektor Aldag, auch er ein Fachmann mit Praxiserfahrung von Doping im Radsport, schlägt eine „sachliche Analyse der Pros und Kontras“ vor. Letztlich kann er für eine Entscheidung ebenfalls nur so unsichere Kriterien wie das Bauchgefühl und Vertrauen in die Strukturen heranziehen. Falls Froome sich letztlich doch als Doper erweist, wäre das wohl die logische Konsequenz. Bis dahin heißt es warten und Fragen stellen.

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