11 Freunde Freitags : Ulis Gäste

"Für die Scheißstimmung seid doch ihr verantwortlich", sagte Bayern-Manager Uli Hoeneß den Fans. Doch stimmt das? Wir haben es überprüft.

13.00 Uhr.

Die Arena öffnet, die ersten gehen rein. Seit Dauerkarten-Besitzer ihre Karten legitim übers Internet weitergeben dürfen, muss man früh da sein, um sich einen Platz zu sichern, zwischen Fans, Arena-Touristen und Kindern.

 

15.20 Uhr.

Das Stadion ist voll. Die beiden Bayern-Fankurven hinter den Toren brüllen abwechselnd „Auf geht’s ihr Roteeen“. Am unteren Rand der Südkurve hält ein Mädchen mit dunkler Jacke und roter FC-Bayern-Mütze einen Pappkarton hoch, auf dem steht: „Bayern des sama mir!!“ Unweit von ihr hüpft ein Fan, der einen original Bayern-Trainingsanzug trägt und eine Oliver-Kahn-Maske.

 

15.24 Uhr.

Uli Hoeneß kommt aus dem Tunnel. Die Fotografen, das Arbeitsgerät immer im Anschlag, drücken ab, es blitzt und blitzt. Der Bayern-Manager drängt sich an den Fotografen vorbei, geht zur Reservebank, die aus edlen Flugzeugsitzen besteht. Ein Fernsehkamerateam folgt ihm.

 

15.25 Uhr.

Die Mannschaften laufen ein. Aus den Lautsprechern ertönt Gladiatorenmusik, es blitzt schon wieder, diesmal von den Rängen, unaufhörlich blitzt es, als hätten die Bayern extra an jeden der 69 000 Zuschauer eine Kamera ausgegeben. Es ist, als stünde das Spiel des Jahres, ach was, des Jahrhunderts bevor. In der Münchner Arena tritt an: der VfL Wolfsburg.

 

15.30 Uhr

. Anpfiff. Die Lautstärke erreicht ihren Normalpegel: nicht ohrenbetäubend, aber durchaus laut.

 

15.36 Uhr.

Die Südkurve schreit: „Steht auf, wenn ihr Bayern seid“. Auf der Haupttribüne stehen tatsächlich ein paar Menschen auf! Vereinzelt, und klatschen.

 

15.43 Uhr.

Was auffällt: Die Plakate der vereinskritischen Fanklubs „Ulis Gäste“ und „Kalles Kunden“, die meist über der Gegengerade hängen, sind heute unauffindbar. „Die gehen halt jetzt auf Schmusekurs“, sagt ein Fanklub-Mitglied, das nicht öffentlich genannt werden möchte, weil er einen guten Job hat und sich vor der Macht der Bayern fürchtet. Er sagt: „Nordkorea ist eine demokratischere Einrichtung als der FC Bayern.“

 

16.05 Uhr.

1:0 für Bayern. Die Fans schreien, umarmen sich, hüpfen aufgeregt. Auch Uli Hoeneß. Es ist, als wäre ein riesiger Sack Glück über der Arena ausgeschüttet worden. Routine.

 

16.15 Uhr.

Halbzeit. Anke, Uli und Andi gehen zur Toilette. Sie sind Teil jener mit weißem Regencape gekleideten Besucher, die ganz unten an der Gegengerade sitzen und zusammen das T-Logo des Telekommunikations-Sponsors bilden. „Ich bin heute zum ersten Mal im Fußballstadion“, sagt Anke, und wundert sich, warum sie jetzt von einem Reporter angesprochen wird. Die Karten sind natürlich umsonst, klar, „aber von wem die kommen, weiß ich nicht“, sagt Anke. Die T-Menschen sind zumeist um die 20 Jahre alt und Azubis bei der T-Firma, sie bewerben sich und werden mit etwas Glück ausgewählt. Ob sie Bayern-Fans sind? „Nee“, sagt Uli, die Antwort kommt sofort, „nee, überhaupt nicht“, sagt Andi. Er trägt HSV-Handschuhe.

 

16.35 Uhr.

2:0. Diesmal machts Ribéry selbst, einfach großartig, der Mann. Auch manche T-Menschen stehen auf, ein paar klatschen sogar.

 

16.42 Uhr.

Die Südkurve singt: „Tod und Hass dem TSV“. Hat mit Wolfsburg nichts zu tun, gehört aber zum Tagesgeschäft eines jeden Bayern-Fans.

 

16.57 Uhr.

Das 2:1 durch Wolfsburgs Ashkan Dejagah. Die Arena nimmt das Gegentor gleichgültig hin, am Sieg zweifelt hier sowieso niemand. Hat mit Wolfsburg nichts zu tun, gehört aber zum Tagesgeschäft eines jeden Bayern-Fans.

 

17.18 Uhr.

Im Fernsehen zeigen sie Karl-Heinz Rummenigge und Karl Hopfner, wie sie auf der Vip-Tribüne sitzen, nebeneinander. Ruhig, regungslos, ja, an der Grenze zur Apathie. Nun: Wie immer.

 

17.20 Uhr.

Abpfiff. Bayern gewinnt 2:1, am Schluss, wird Trainer Ottmar Hitzfeld später sagen, „mussten wir noch mal zittern.“ Die Fans haben auch gezittert, aber nur ein bisschen. Die Bayern verlieren schließlich nicht in der Arena, und schon gar nicht gegen den VfL Wolfsburg.

 

17.23 Uhr.

Die Spieler gehen zur Fankurve, Oliver Kahn schaut, wie er in solchen Momenten immer schaut: euphorielos, routiniert. Die Fans klatschen zurück, wenn auch nicht alle: Einige sind schon auf dem Weg nach draußen. Damit sie am Parkhaus nicht so lange warten müssen oder die erste leere U-Bahn erwischen.

 

17.56 Uhr.

Vor der Interview-Zone, hinter automatischen Glas-Schiebetür, stehen ein paar Fans. Ein sehr beliebter Platz für Autogrammjäger.

 

18.01 Uhr.

Oliver Kahn spricht über Willy Sagnol, dann geht auch er. Am Ausgang lässt er sich noch zu einem Foto mit der aktuellen Miss Bayern zwingen, er stellt sich neben sie, blickt sie nicht einmal an, und verschwindet.

 

18.20 Uhr.

Aus dem Vip-Aufzug steigen ein paar geladene Gäste, sie gehen nach Hause. Die meisten Fans sind sowieso schon weg, das Stadion ist längst leer. Die Bayern haben gewonnen, es war kalt, es war weitgehend unterhaltsam. Es war: Ein ganzer normaler Winterspieltag in der Münchner Arena.

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