11-Freunde-Kolumne : Pilsbäuche im Waggon

Für den wahren Fußball-Fan beginnt das Spiel schon in der U-Bahn zum Stadion. Wer das nicht glaubt, muss nur mal anlässlich eines Hertha-Spiels gegen 14 Uhr am Alexanderplatz in die Bahn steigen.

Philipp Köster

Der öffentliche Personennahverkehr ist in deutschen Fußballstadien nur selten ein Thema. Nur ein einziger, auch schon etwas älterer Sprechchor beschäftigt sich mit ihm. „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht“, singen die Anhänger, „Fahr Bus und Bahn, fahr Bus und Bahn“. Dabei könnte der ÖPNV, wie wir Kenner ihn nennen, durchaus noch ein wenig mehr gewürdigt werden. Für den wahren Fan beginnt nämlich das Spiel schon in der U-Bahn zum Stadion. Wer das nicht glaubt, muss nur mal anlässlich eines Hertha-Spiels gegen 14 Uhr am Alexanderplatz in die Bahn steigen.

Beziehungsweise es versuchen, denn in der Regel sind die Waggons bereits bis auf den letzten Quadratzentimeter gefüllt. Und zwar überwiegend mit knorke Schultheiß-Herthanern, die sich schon vorher in der Eckkneipe druckbetankt haben und nun durch gemeinsames Hüpfen den Waggon ins Schwanken bringen. Das ist vor allem dann amüsant, wenn sich im gleichen Waggon eine irrtümlich eingestiegene schwäbische Touristengruppe mit weißen Fingerknöcheln an den Sitzen festklammert. Das ist allerdings nur der Auftakt, richtig lustig wird es erst, wenn die ersten Anhänger des Gastvereins die U-Bahn betreten. Anders als im Stadion, wo die Fangruppen ja fein säuberlich separiert werden, stehen sich hier die Kontrahenten aus Berlin und, sagen wir mal, Schalke noch Pilsbauch an Pilsbauch gegenüber. Für die Umstehenden ist es dann höchst amüsant, wenn die Erzfeinde sich dann im Stakkato und mit hochrotem Kopf alle nur erdenklichen Gemeinheiten an den Kopf werfen. Ein Szenario, das eigentlich immer damit endet, dass die Hertha-Mehrheit mit einem Sprechchor der Preisklasse „Schallallalla“ die Gegner übertönt. Dann wird wieder gehüpft.

Und das macht immer sehr viel Spaß. Ich muss also gar nicht wissen, wo das Auto des Schiris steht. Ich fahr auch so immer gerne Bus und Bahn, Bus und Bahn.

„11 Freunde“-Chefredakteur Philipp Köster schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit Stefan Hermanns.

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