11 Freunde : Spitzenspiel am Polarkreis

In Umeå treffen bei Eiseskälte die besten Fußballerinnen der Welt aufeinander. Ein Besuch.

Sven Goldmann[Umeå]

Die besten Fußballspielerinnen der Welt treffen sich zu Ostern am Rodelberg. Ab und zu gleiten ein paar Skilangläufer über den Schnee, er ist so weiß und so allgegenwärtig, dass der grüne Kunstrasen neben dem Rodelberg beinahe stört. Hier, im Stadion Gamliavallen von Umeå, veranstaltet die schwedische Frauenliga zur Saisoneröffnung den Supercup. Es ist so etwas wie eine WM-Revanche: Die beste Stürmerin der Welt trifft die beste Torhüterin.

Umeå IK bietet die Brasilianerin Marta auf, sie ist gerade 22 Jahre alt und Welt-Fußballerin des Jahres. Djurgården Stockholm reist mit Nadine Angerer an. Die deutsche Nationaltorhüterin hat zu Saisonbeginn noch für Turbine Potsdam gespielt und will es mit bald 30 Jahren noch einmal wissen in der besten Liga der Welt. Bei der WM in China hat Nadine Angerer kein einziges Gegentor zugelassen und im Finale gegen Brasilien sogar einen Elfmeter gehalten, ausgerechnet von Marta. Ein halbes Jahr ist das jetzt her, und die beiden Hauptdarstellerinnen haben sich seitdem nicht gesehen.

Umeå liegt 200 Kilometer unterm nördlichen Polarkreis und ist ein kleines Fußballwunder. In dem Städtchen mit knapp 80 000 Einwohnern spielt die beste Mannschaft der besten Liga der Welt. In der letzten Saison war Umeå Meister und Pokalsieger und müsste beim Supercup eigentlich gegen sich selbst spielen. Weil das nicht geht, springt Djurgården als Ligazweiter ein.

Der Mann, der das Wunder möglich gemacht hat, steht im Blaumann im Stadion und montiert die Werbebanden hinterm Tor. Teammanager Roland Arnqvist hat Marta 2003 bei der WM in den USA gesehen und nach Umeå geholt. Lange her, jetzt sind erst einmal die Banden wichtig. „Ach, der Besuch aus Berlin“, sagt Roland, „schön, dass Sie da sind, wollen Sie kurz mit anpacken?“ Noch drei Stunden bis zum Spiel. Sarah Kerth vom Vermarktungspartner aus London hat die Werbebanden mitgebracht. Sie sagt, dass der Termin für den Supercup in diesem Jahr „leider sehr ungünstig ist“. Am Ostermontag gehen die Schweden lieber zum Skifahren. Dafür überträgt das Fernsehen live.

Als alle Banden stehen, laufen zwei Männermannschaften auf den Platz. Was wollen die da? „Das ist ein Spiel der vierten oder fünften Liga“, sagt Roland. „Im Winter ist hier den ganzen Tag Betrieb. Der Platz wird beheizt, es ist der einzige in der Umgebung, auf dem man jetzt spielen kann.“ Die besten Frauen der Welt teilen sich ihren Kunstrasen mit jeder Menge Hobbymannschaften.

Die Spielerinnen aus Umeå wohnen alle in der Nähe des Stadions und kommen zu Fuß zum Supercup, eine schiebt ihr Mountainbike durch den Schnee. Roland herzt Marta und unterhält sich mit ihr. Auf Schwedisch. Marta sagt, dass sie schon nach ein paar Wochen in Brasilien Heimweh nach Umeå hat. Nadine Angerer hat in Stockholm täglich Sprachunterricht. „Schwedisch ist ganz einfach, sogar für mich, obwohl ich nicht gerade ein Sprachtalent bin.“ Viel problematischer sei das mit der Kälte, zehn Grad unter Null. „Wird Zeit, dass der Sommer kommt.“

Den schönsten Blick auf das Supercupspiel hat man vom sonnigen Rodelberg. Die Haupttribüne ist im Schatten und weitgehend verwaist. 350 Zuschauer sind gekommen, Roland kann sich nicht erinnern, dass seine Mannschaft mal vor so geringer Kulisse gespielt hat, „in der Meisterschaft haben wir einen Schnitt von 3000“. Sarah Kerth fragt: „Habt ihr VIPs eingeladen?“ Allgemeines Kopfschütteln.

Vor dem Spiel posieren Marta und Nadine Angerer für ein gemeinsames Foto, was ein bisschen komisch aussieht, weil die Deutsche einen Kopf größer ist. Als es dann losgeht, hüpft Marta wie ein junges Reh über den Platz. Ein Spielkind, das die Kälte vergisst, sobald der Ball in der Nähe ist, und der Ball ist eigentlich immer in Martas Nähe. Nach drei Minuten fliegt der Ball zum ersten Mal an die Latte, zwei weitere Minuten später an den Pfosten und dann ist er drin. Marta hat den Abpraller ins Netz gejagt, sie tanzt und lacht und jubelt. Nein, nein, sagt sie später, dieses Tor sei natürlich keine richtige Revanche für den Elfmeter im WM-Finale, aber allemal eine schöne Sache gegen die beste Torhüterin der Welt.

Nadine Angerer hat in dieser ersten Halbzeit so viel zu tun, dass sie die Kälte beinahe vergisst, aber eben nur beinahe. Djurgårdens Verteidigung, geführt von der Berlinerin Ariane Hingst, hat alle Füße voll zu tun, und doch legt Umeå vor der Pause noch ein Tor nach. Marta bereitet es vor mit einem ihrer ungezählten Sololäufe. „Diese Marta ist ganz gut“, sagt Sarah vom Vermarktungspartner aus London. Warum sie immer noch im kleinen Umeå ist? „Marta will in der besten Mannschaft der Welt spielen“, sagt Roland. „Also spielt sie in Umeå.“ Den Rest regelt der Sponsor, ein Autohersteller aus Wolfsburg.

In der zweiten Halbzeit probiert Umeås Trainer ein paar neue Spielerinnen aus. Eine Japanerin, sie trägt die Trikotnummer 100. Und eine Schweizerin, die mit ihrem ersten Ballkontakt den Pfosten und später nur noch gegnerische Beine trifft und die Rote Karte sieht. Nadine Angerer staunt und freut sich über das hohe Tempo, „das ist schon was anderes als in Deutschland“. In der zweiten Halbzeit hält Djurgården besser mit, dennoch siegt Umeå 3:0. Die Japanerin mit der Nummer 100 schießt das dritte Tor und wird zur besten Spielerin des Tages gewählt. Eigentlich war Marta die beste, aber das ist sie immer, was auf Dauer langweilig wird. Ein Reporter fragt Nadine Angerer, warum sie Marta nicht gestoppt habe wie im WM-Finale. Die Brasilianerin lacht und die Deutsche antwortet: „Ich habe bei der WM nicht Marta gestoppt, sondern den Ball.“

Dann ist Schluss. Der Manager Roland Arnqvist geht zufrieden nach Hause. Sarah Kerth vom Vermarktungspartner aus London sammelt ihre Werbebanden ein. Nadine Angerer darf endlich unter die heiße Dusche. Junge Männer warten im Kabinengang. Die nächsten Hobbymannschaften wollen auf den Platz, den die besten Spielerinnen der Welt gerade verlassen haben.

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