Sport : „13:0 – das wird mit uns nicht passieren“

Klaus Toppmöller über seine Arbeit als Nationaltrainer Georgiens und das Spiel gegen Deutschland

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Herr Toppmöller, wir haben bei der deutschen Botschaft in Tiflis nach Ihnen gefragt.

Und?

Man kannte Sie persönlich.

Da haben sie in der Botschaft die Wahrheit gesagt. Natürlich haben wir Kontakt. Wir haben mal Karten für Spiele besorgt. Vor zwei Wochen waren wir bei der neuen Botschafterin. Als Nationaltrainer im Ausland ist man ein bisschen mehr als nur Trainer. Deutschland hat in Georgien einen sehr guten Ruf, gerade durch die WM.

Die WM hat in Georgien eine große Rolle gespielt?

Für Georgien ist Deutschland so etwas wie die Nummer eins im Weltfußball. Ich habe dort einen Film drehen lassen mit dem Titel: „Wir sind ein Team“. Der lief wochenlang im Fernsehen. Ende Juni hatten wir ihn präsentiert. Für mich war Deutschland vom Auftreten her die beste Mannschaft. Diese Botschaft ist auch in Georgien angekommen.

Damit haben Sie die Erwartungen hochgeschraubt?

Die sind hoch wie überall. Ich sehe die Spiele, die wir jetzt gegen drei große Nationen wie Frankreich, Deutschland und Italien haben, als Lernphase. Wenn ein Mertesacker angeflogen kommt, geht es anders zu, da reicht es nicht, nur ein guter Fußballer zu sein. Es geht um Cleverness im Zweikampf, 90 Minuten Konzentration und Standardsituationen. Jetzt können wir am praktischen Beispiel zeigen, was noch fehlt.

Deutschland - Georgien, das ist für Sie ein besonderes Spiel?

Nein kann ich da nicht sagen. Aber es geht um die Mannschaft, die Spieler sollen im Vordergrund stehen. Sie sollen einen Schritt weiterkommen und sich gut verkaufen. Ich habe deshalb Fernsehtermine abgesagt. Wenn die Leute sehen, dass Georgien gute Fußballer hat und nicht mehr zu den Kleinen gehört, bin ich zufrieden. Eines steht schon fest: 13:0 gegen San Marino, das wird mit uns nicht passieren.

Was hat Sie überzeugt, dort einen Vertrag zu unterschreiben?

Die wollten mich unbedingt, die wollten einen deutschen Trainer haben. Der Verbandspräsident wohnt in Heidelberg, er ist 30 Jahre alt. Der Staatspräsident hat mich empfangen. Ich war beim Empfang in Berlin, als er sich in Deutschland vorgestellt hat, einer seiner 20 Tischgäste. Das ganze Land stand dahinter, die Medien, die Fans, es war überwältigend. Die waren völlig aus dem Häuschen, so einen renommierten Trainer zu verpflichten. Ich dachte, aus dem Team kannst du was rauskitzeln.

Die sportliche Qualität stimmt also, wo liegen die Probleme genau?

Renommierte Trainer wie Lippi, Domenech, Rehhagel haben alle gesagt, es gibt gute Einzelspieler aber kein Team. Hans-Peter Briegel, der mit Albanien gegen sie gespielt hat, erzählte, die hätten sich auf dem Platz praktisch gegenseitig verhauen. Ich habe deshalb eindringliche Gespräche geführt und ihnen klar gemacht, dass es so nicht geht. Wir haben eine gute Mannschaft, wenn alle da sind, fehlt einer, wird es schwierig.

Disziplin ist das Hauptproblem?

Mittlerweile ist es viel besser geworden. Ein weiteres Manko ist, dass wir nie die stärkste Mannschaft zusammen hatten, weil ihre Klubs sie nicht abgestellt haben. Was glauben Sie, wie frustrierend das am Anfang war. Kaladze vom AC Mailand ist drei Monate ausgefallen, Kobiaschwili von Schalke muss mit drei anderen gegen Italien eine Gelbsperre absitzen. Als wir hier anfingen, spielten wir gegen Albanien oder Malta, weil andere Nationen mit der WM beschäftigt waren.

Verraten Sie uns ihre Tricks?

Erstens taktische Disziplin durch Übungen in der Gruppe und einzeln. Den Rest durch Einzelgespräche. Ein großes Problem sind die vielen Platzverweise, die es vor allem in meiner Anfangszeit gab. Wenn sich da einer ungerecht behandelt fühlte, gingen die Emotionen durch. Sie mussten begreifen, dass wir als Außenseiter mit zehn oder neun Mann überhaupt keine Chance haben. Der U-21-Kapitän läuft 50 Meter und würgt einen, weil der einen foulte. Er wird gesperrt und Georgien verpasst die Qualifikation. Da müssen Lernprozesse in Gang kommen.

Und die georgische Liga?

Regionalliga-Niveau, maximal.

Ihre Familie lebt weiter in Rivenich an der Mosel, wie lange können Sie in Georgien sein?

Etwa ein Drittel des Jahres. Am Anfang waren es fast drei Monate am Stück, weil wir uns die ganze Liga angeschaut haben. Wir wollten keinen verpassen. Mit 17 oder 18 gehen viele Spieler weg und verdienen in Russland oder der Ukraine ein-, zweitausend Dollar, um damit ihre Familien zu unterstützen. Oft sind dubiose Spielervermittler involviert, die die schwierige Lage ausnutzen. Der U-21-Kapitän hat 800 Dollar in Moskau verdient und unter schwierigen Bedingungen in einer Sportschule gelebt. Den haben wir jetzt zu 1860 München vermittelt. Jetzt hat er die Chance, sich zu entwickeln. Aber viele müssen ihre Familien mit dem Geld unterstützen. Im aktuellen Kader ist kein Spieler aus Georgien, die haben alle Verträge im Ausland.

Kümmern Sie sich ausschließlich um die A-Mannschaft?

Nein, wir haben die U-21, U-19 und U-17 ausgebaut. Das Stadion in Tiflis saniert, Bänke, Anzeigetafel, Flutlicht, die Inneneinrichtung komplett. Neuer Rasen. Der Präsident und ich haben Diadora als Trikotsponsor gewonnen. Wir haben ein Auswertungssystem installiert, damit die Juniorenteams Werte bekommen, mit denen sie arbeiten können. Innerhalb von vier Wochen spielen wir jetzt gegen die besten drei Mannschaften der Welt. Das Spiel gegen Deutschland haben wir noch mit Klinsmann und Bierhoff vor der WM ausgemacht. Das sind für Georgien absolute Highlights.

Mit „wir“ meinen Sie auch Ihren Bruder Heinz?

Auch Ralf Minge. Er ist Trainer der U-21 und hilft beim A-Team mit. Ebenso mein Bruder Heinz, er trainiert auch die U-19.

Was bekommen Sie von den aktuellen politischen Problemen mit dem Nachbarn Russland mit?

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mich zu solchen politischen Fragen nicht äußern möchte.

Dann zum Sportlichen: Georgien kämpft also mit den üblichen Problemen eines Fußball-Entwicklungslandes?

Es fehlen Fußballplätze und noch mal Fußballplätze, die Infrastruktur war im vergangenen Dezember eine absolute Katastrophe. Selbst, wenn wir ein Trainingslager hatten, gab es große Probleme mit der Platzqualität. Auf den meisten Plätzen ist Fußball fast unmöglich.

Wie erleben Sie den Alltag der Menschen in Georgien?

Es gibt viel Armut, vor allem in ländlichen Gegenden. Es ist grundsätzlich schlimm zu sehen, wie sich die Menschen krummlegen und am Ende kommt nichts dabei heraus. Politisch versucht man sich am Westen zu orientieren.

Die Nationalmannschaft liefert Abwechslung?

In den Ligaspielen sind 300 bis 400 Zuschauer viel, es ist deshalb vor allem die Nationalmannschaft, die dafür sorgt. Im neuen Stadion waren zuletzt über 50 000 Zuschauer. Im ganzen Land haben die Menschen Karten gesucht und es gab Unmut, weil sich manche übergangen fühlten. Es gab Anfragen für rund 500 000.

Die Hauptaufgabe bleibt die EM-Qualifikation für 2008?

Das ist ein Aspekt. Es geht aber auch um die U-19, die U-21 und deren Aufbau. Wir machen Trainerausbildungen. Das gab es hier noch nie. Mein Vertrag läuft bis Ende 2007. Man wollte mir einen über vier Jahre geben. Ich habe gesagt: Jetzt machen wir das zwei Jahre und lernen uns kennen. Dann sehen wir weiter.

Das klingt nach vielen Baustellen gleichzeitig.

Solche Jobs kannst du nur mit vollem Einsatz und Begeisterung machen.

Und wie verständigen Sie sich?

Wir haben einen Dolmetscher, aber viele in der Mannschaft können Deutsch wie Kobiaschwili oder Iaschwili. Mit anderen kann ich englisch sprechen.

Können Sie dort noch unerkannt über die Straße gehen?

Auf der Straße kennen mich die Leute. Egal wo, wir werden sehr herzlich empfangen. Georgien hat als Land überhaupt einiges zu bieten. Auch die Küche ist berühmt. Insgesamt ist es ein kleines Abenteuer, aber spannend.

Das Interview führte Oliver Trust.

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