Sport : 13 Tage am Abgrund

Kurz vor dem Atomkrieg: Die Großmächte und die Kuba-Krise

Ingo Wolff

Dean Rusk wusste sich nicht anders zu helfen. Der amerikanische Außenminister verschwand am 15. Oktober 1962 vor den Augen seines deutschen Amtskollegen in der Speisekammer, um dort heimlich die brisante Nachricht des 20. Jahrhunderts zu erfahren. Ein Aufklärungsflugzeug der US-Luftwaffe hatte einen Tag zuvor auffällige Fotos über der Karibikinsel Kuba geschossen. Das Atemberaubende an dieser Mitteilung: Für die CIA-Leute und US–Militärs bestand kein Zweifel, dass auf diesen Fotos Atomraketen zu erkennen waren.

Die Nachricht, die den Außenminister so unvermittelt ereilte, war der Beginn der wohl spannendsten zwei Wochen der Nachkriegsgeschichte. 13 Tage stand die Welt am Abgrund eines Atomkrieges zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. 13 Tage pokerten die beiden mächtigsten Männer der Erde, John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow, um die Zukunft der Menschheit. Es ging um nichts weniger als den Beginn des Dritten Weltkriegs.

„Wir standen so nah am nuklearen Abgrund. Und verhinderten den atomaren Schlagabtausch nicht etwa durch ein gekonntes Management, sondern durch schieres Glück.“ Mit diesen Worten des damaligen US–Verteidigungsministers McNamara beginnt „Der Nervenkrieg“ von Stefan Brauburger. Der stellvertretende Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte hat unbekannte Dokumente aus den Archiven des ZK der KPdSU zusammengetragen und zahlreiche Interviews mit den Zeitzeugen sowie den Kindern Chruschtschows geführt. Brauburger beschreibt erstmals die prekäre Lage hinter den Mauern des Kremls, des Pentagons und des Weißen Hauses.

Das Buch ist eine gelungene Mischung aus Dokumentation und Krimi. Obwohl das Ende schon vorher bekannt ist, bleibt die Geschichte bis zum Schluss spannend, weil sich an jeder Ecke eine neue unerwartete Schwierigkeit auftürmt. Das Buch lebt von den Geschichten hinter der Geschichte. Randepisoden, die dokumentieren sollen, dass sowohl auf amerikanischer als auch auf sowjetischer Seite Hilflosigkeit regierte.

Dabei werden wichtige Hintergründe akribisch in Kästen erklärt. Teilweise stören die Grauflächen allerdings den Lesefluss, da sich die Kästen über mehrere Seiten erstrecken. So muss man häufig hin und her blättern.

Dafür erfährt der Leser aber brisante Details der Krise, die den Wenigsten bisher zugänglich waren. Details, die aber fast in ein Amageddon geführt hätten. So wurde ein amerikanischer Wachoffizier am 25. Oktober in Minnesota hellhörig, weil jemand versuchte, über den Sicherheitszaun des Raketenstützpunkts zu klettern. Sofort gab der Offizier Sabotagealarm an die umliegenden Raketenbasen. Doch er meldete versehentlich einen bevorstehenden sowjetischen Angriff auf die Vereinigten Staaten. Erst nach einem weiteren Sicherheitscheck wurde die Meldung zurückgenommen. Und der Angreifer, der den Alarm ausgelöst hatte? Ein hungriger Bär auf Nahrungssuche.

Unglaublich klingen auch die Details, die erst Jahre nach der Krise über die Bewaffnung der sowjetischen U-Boote bekannt wurden. So hatte jedes von ihnen ein Atomtorpedo an Bord. Einige Boote waren während der Kuba-Blockade, die die Amerikaner gegen sowjetische Transportschiffe mit ihren Raketenteilen ausgesprochen hatten, auf US–Zerstörer getroffen und hatten zeitweise keinen Funkkontakt zur Hauptzentrale.

Wenig wussten die US-Militärs auch über die Art der stationierten Raketen auf Kuba. Auf den Fotos waren nur Langstreckenraketen zu erkennen. Doch die Sowjets hatten Fidel Castro auch taktische Atomraketen zum Schutz vor einer US-Invasion geschickt. Davon war den Militärs, die im Weißen Haus Präsident Kennedy während der 13 Tage zu einer Eroberung der Insel vor der Haustür Amerikas oder einer Zerstörung der Raketenbasen aus der Luft drängten, nichts bekannt. Ohne die Zurückhaltung Kennedys wäre es schnell zu einem unbeabsichtigten Atomschlag und dem unvermeidlichen Gegenschlag gekommen.

Ironie der Geschichte: Die beiden Hauptakteure, die die Krise gemeistert haben, sind längst tot. Fidel Castro ist in Kuba noch immer an der Macht.

Stefan Brauburger: Die Nervenprobe – Schauplatz Kuba: Als die Welt am Abgrund stand. Campus, Frankfurt am Main 2002. 328 Seiten. 25, 50 Euro.

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