Sport : 130 Kilo Sportgeschichte

Ingo Wolff

Patrick Venzke musste sich für seinen großen Auftritt nicht einmal umziehen. Eigentlich ist es ja für einen Sportler eine Katastrophe, in Zivil am Spielfeldrand zu stehen. Venzke aber genoss so sein erstes Spiel in der nordamerikanischen Football-Profiliga NFL. Allein seine Anwesenheit auf dem Rasen machte den Auftritt besonders. Seine Jacksonville Jaguars spielten gegen die Buffalo Bills; und er war mit dabei.

Der 26-Jährige schrieb am vergangenen Donnerstag so etwas wie ein Kapitel Sportgeschichte: Patrick Venzke ist der erste echte deutsche Feldspieler, der zum Kader eines NFL-Teams gehört. Er ist einer von 53 Spielern eines Teams, die eingesetzt werden dürfen.

Bisher nämlich waren die Deutschen bei ihrem ersten Spiel in der NFL überhaupt keine Deutschen mehr. Oder sie gehörten nicht zu jenen Elf, die als Offensive oder Defensive bei den meisten Spielzügen auf den Platz gingen. Sie waren allenfalls Teil eines der Spezialteams, die nur in besonderen Situationen ins Spiel eingreifen. Venzke ist ein gebürtiger Deutscher, besitzt noch seinen Pass und steht in der Offensive als Tackle in der schützenden Linie vor dem Quarterback.

Sein erster Auftritt war nur ein Intermezzo an der Außenlinie. Das wird sich ändern. "Es läuft alles nach Plan. Ich habe jetzt das Gefühl, zum Team zu gehören", sagt Venzke. Was selten einem Nichtamerikaner gelingt.

Begonnen hat er bei den Düsseldorf Panthern, trainierte zeitweise sogar bei Rhein Fire in der NFL Europe und spielte dann vier Jahre an der Universität von Idaho. Dort kam der ehemalige deutsche Nationalspieler auf 44 Einsätze, davon 42 als Starter. Vom College führte ihn der Weg direkt ins Trainingslager der Jaguars. Nach der Verletzung der bisherigen Nummer eins, Tony Boselli, steht Venzke plötzlich im Team. Der 26-Jährige, der in der Vorsaison schon einmal eine Halbzeit gegen die New York Giants eingesetzt wurde, wartet nun auf seinen großen Moment. Vielleicht passiert das schon am Sonntag im Spiel gegen Super-Bowl-Champion Baltimore Ravens.

Doch selbst, wenn der 1,99 Meter große und 130 Kilogramm schwere Spieler am Wochenende nicht zum Zuge kommen sollte, er ist jetzt Teil der Mannschaft. "Bisher habe ich viermal in der Woche trainiert, durfte aber nie spielen", sagt Venzke und beschreibt die Zeit im Trainingskader, an dessen Schwelle die meisten Spieler scheitern. Deshalb hatte er ein mulmiges Gefühl, als ihn Jacksonvilles Chefcoach Tom Coughlin vor einer Woche zu sich bat: "In neun von zehn Fällen ist das ein schlechtes Zeichen, wenn dich der Coach sprechen möchte." Es war auch nur ein kurzes Gespräch. Coughlin sagt: "Gratuliere, du gehörst ab sofort zum Team." Venzke rang um Fassung. Jetzt also darf er sich auf die Spielmacher einstellen. Neben Star-Quarterback Mark Brunell ist dies auch Jonathan Quinn, der im Sommer bei Berlin Thunder gespielt hat. Mit Quinn hat sich Venzke schon ausgetauscht. "Das Jahr war für ihn finanziell nicht so toll, aber es hat ihn vorangebracht", sagt Venzke und fügt schmunzelnd hinzu: "Berlin war ihm zu groß als Junge vom Land."

Seine Mitspieler fragen ihn oft über seine Heimat. "Ich bin hier fast wie ein europäischer Botschafter", erzählt Venzke, "gerade nach den Anschlägen haben mich die meisten Spieler nach der deutschen Perspektive gefragt." Dem gesprächigen Essener fiel das nicht schwer, zumal sich in sein Wesen amerikanische Züge eingeschlichen haben. Auf die Frage, was er denn als erstes nach der frohen Botschaft getan hat, antwortet Venzke typisch amerikanisch: "Ich bin die Ecke gegangen und habe dem lieben Gott dafür gedankt."

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