Sport : 135 Kilogramm Bescheidenheit

Kugelstoßer Ralf Bartels ist eine Hoffnung der deutschen Leichtathletik – und sucht doch nur den Platz in der zweiten Reihe

Frank Bachner

Berlin. Ralf Bartels müsste erst an seinem Handy herumtippen. Dort hat er den Geburtstag von Oliver-Sven Buder eingespeichert. „Auswendig kenne ich den Tag nicht“, sagt er. Was nicht heißen soll, dass er den ehemaligen Konkurrenten nicht mag. Er gratuliert Buder jedesmal, wenn dieser Geburtstag hat. Jahrelang hat das dann wohl so geklungen, als würde ein jüngerer Bruder seinem älteren Bruder alles Gute wünschen. Es gibt dieses Bild aus dem Deutschen Haus bei der Leichtathletik-EM 2002 in München, wo Bartels überraschend Bronze gewonnen hat: Buder, Vize-Weltmeister von 1997 und 1999 im Kugelstoßen, steht mit ihm auf einer Bühne. er reicht ihm einen riesigen Bierkrug, und Bartels, einen Kopf kleiner als Buder, blickt zu dem Hünen auf wie, ja wie ein stolzer kleiner Bruder zum großen Bruder.

„Er ist ein Vorbild für mich“, sagt Bartels. „Er war dort, wo ich noch hin will. Ich habe großen Respekt vor ihm.“ Immer noch. Obwohl Buder aufgehört hat, obwohl Bartels dabei ist, sich aus Buders Schatten zu stoßen. Der 26-Jährige aus Neubrandenburg verbessert immer mehr Hallen-Meeting-Rekorde seines Vorbilds. Er hat gerade seine Hallen-Bestleistung auf 20,66 m gesteigert. „Und bei der Hallen-WM kann er 20,80 m stoßen“, sagt sein Trainer Gerald Bergmann. Er ist bei der WM an diesem Wochenende in Budapest kein Medaillenkandidat aber ein Hoffnungsträger. Mit 26 Jahren ist man im Kugelstoßen nicht besonders alt. Bei der WM 2003 belegte er immerhin Platz sechs. Wahrscheinlich rückt er nachträglich sogar auf Platz fünf vor. Der WM-Vierte Kevin Toth war gedopt, hat sich herausgestellt, sein WM-Resultat wird wohl gestrichen.

Bartels selbst sagt bloß, dass er gut stoßen will. Weiten, Platzierungen, das ist ihm zu konkret, so etwas steigert bloß Erwartungen. Er ist keiner, der betont selbstbewusst nach vorne geht. Sein Selbstbewusstsein, sein Auftreten insgesamt, basiert auf Respekt. Was er kann, hat er sich hart erarbeitet und abgeschaut. „Er hätte Buder öfter besiegen können, als er es getan hat“, sagt Bergmann. Er hat sich unbewusst nicht getraut, sein Vorbild zu besiegen, deutet der Trainer an. „Bei der Deutschen Meisterschaft 2001 hatte Ralf regelrecht die Hosen voll“, sagt Bergmann. Buder gewann den Titel. Kurz darauf lag Bartels erstmals vor Buder. Ein erhebendes Gefühl, einerseits. Andererseits hätte er sich fast entschuldigt dafür.

Bartels sagt auch „Sie“ zu seinem Trainer, obwohl er seit 14 Jahren mit ihm arbeitet. „Das ist für mich auch eine Frage des Respekts.“ In seinem Umfeld ist kein Platz für Sprücheklopfer oder Leute, die keinen Draht für die Probleme anderer haben. Neubrandenburg gehört zu einer armen Region, dort wirkte Protzerei zynisch. „Ich kann mir nur schwer vorstellen, hier wegzugehen“, sagt Bartels. Hier ist seine Heimat, hier passt er rein. „Es ist gemütlich. Bei einem anderen Klub würde ich mehr verdienen, aber auch schnell fallen gelassen.“ Sein Vater ist arbeitslos, mit 52, zu DDR-Zeiten war er Programmierer. „Jetzt sagte ihm das Arbeitsamt, dass er null Chancen hat. Eigentlich kann er sich den Strick nehmen“, sagt Bartels. Sein Bruder, ein Computerfachmann, ist auch arbeitslos. Und wenn der Geburtstag des Kugelstoßers ansteht, dann hat Bartels von der Familie schon gehört: „Du weißt ja, wir können Dir nicht viel schenken.“ Solche Sätze nehmen ihn emotional mit. Wenn man sich bei einem Geburtstag abends gemütlich zusammensetzt, sei das doch auch schön, sagt er.

Der EM-Dritte könnte den Blick abwenden von solchen Problemen, er verdient jetzt ganz gut mit drei Sponsoren und Antrittsgagen. Aber in Bartels Welt gilt Bescheidenheit nicht als Schwäche sondern als Wert. „Notfalls würde ich meine Familie unterstützen.“ Der 135 Kilogramm schwere Mann hat nicht vergessen, dass seine Eltern viel Geld bezahlt haben, damit er und seine beiden Brüder ins Internat gehen konnten. Aber noch ist solche Hilfe nicht nötig. Dafür wird er einen anderen unterstützen. Oliver-Sven Buder veranstaltet jetzt kleinere Meetings. „Hast du Lust, dort zu starten“, hat der Hüne vor kurzem Bartels gefragt. Logisch, hat der Kleinere geantwortet.

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