16:0 gegen Russland : Dem Kater getrotzt

1912 schoss Gottfried Fuchs zehn Tore für Deutschland. Sowohl seine Mannschaft als auch die Russen hatten in der Nacht zuvor einige Flaschen geleert.

Sven Goldmann

Moskau - Am 21. August 1955 trat die deutsche Nationalmannschaft erstmals nach dem Krieg in Moskau an. Es ging dabei nicht nur um Fußball, sondern auch um große Politik. Das Spiel diente als Anbahnung für den Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer, der ein paar Wochen später die Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen erreichte. Vor 80 000 Zuschauern im Dynamo-Stadion verloren die Deutschen als gute Gäste 2:3, und bevor es nach Hause ging, ließ Bundestrainer Sepp Herberger alle Spieler auf einer Postkarte unterschreiben. Adressat war ein kanadischer Staatsbürger namens Godfrey Fochs.

Er war dabei, als beide Mannschaften zum ersten Mal gegeneinander spielten. Am 1. Juli 1912 in der Trostrunde der Olympischen Spiele von Stockholm. Damals hieß der Mann noch Gottfried Fuchs, zehn Tore schoss er zu diesem 16:0, das bis heute der höchste Sieg in der deutschen Länderspielgeschichte ist.

Beim gemeinsamen Bankett am Vorabend des Spiels war es hoch hergegangen. Die Deutschen schimpften über die Österreicher, gegen die sie im Achtelfinale verloren hatten. Zur Pause lagen sie 1:0 vorn, aber dann lief ihr Torwart gegen den Pfosten und erlitt eine Gehirnerschütterung. Er hätte nur ausgewechselt werden dürfen, wenn die Österreicher einverstanden gewesen wären. Waren sie aber nicht. Also stellten die Deutschen ihren Mittelstürmer ins Tor und verloren 1:5. Die Russen hatte es noch schlimmer erwischt. Sie verloren zwar nur 1:2, aber ausgerechnet gegen das kleine Finnland, das damals noch ein russisches Großherzogtum war.

Es wurde also viel geredet bei diesem Bankett und auch die eine oder andere Flasche geleert. Damit kamen die Deutschen besser klar, auch und vor allem mit dem Kater am nächsten Tag. Schon nach einer Minute schoss Fuchs das erste Tor.

Gottfried Fuchs war ein hoch aufgeschossener Mann mit einem bemerkenswerten Hang zur Fairness. Einmal soll er den Schiedsrichter zur Zurücknahme eines Elfmeters aufgefordert haben, „ich bin doch über meine eigenen Beine gestolpert“. Sein Rekord geriet zwischenzeitlich in Vergessenheit. Fuchs war Jude, wie auch Julius Hirsch, sein Klubkollege vom Karlsruher FV. Unter den Nazis ließ der DFB die Namen der beiden aus sämtlichen Listen tilgen. Hirsch wurde in Auschwitz ermordet. Fuchs gelang 1937 die Flucht nach Kanada, wo er sich Godfrey Fochs nannte und 1972 starb. Nach Deutschland ist er nie wieder zurückgekehrt, eine Reaktion auf die Postkarte der Nationalmannschaft von 1955 ist nicht bekannt. Sven Goldmann

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