Sport : 16 Jahre und ein bisschen leise

Nora Subschinski ist die jüngste Starterin im deutschen Olympiateam – ursprünglich war sie nur Notlösung

Stéphanie Souron

Am 13. August beginnen die Olympischen Spiele in Athen. Bis dahin stellt der Tagesspiegel deutsche Sportler vor, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Heute: Nora Subschinski

Nora Subschinski ist 16 Jahre alt und wartet. Vielleicht passiert es ja übermorgen, auf dem Flug von Berlin nach Athen. Oder am Sonntag, beim ersten Trainingssprung ins Olympiabecken. Oder erst bei der Eröffnungsfeier? Nora Subschinski wartet auf den Augenblick, an dem sie das Unglaubliche begreifen wird. Dass sie, die jüngste deutsche Olympiastarterin, am 16. August auf dem 10-Meter-Turm in Athen stehen wird und um eine olympische Medaille springt. „Ich glaube, das kapier ich erst, wenn ich da oben stehe“, sagt sie.

Nora Subschinski war eigentlich eine Notlösung. Im Dezember vergangenen Jahres kündigte Ditte Kotzian überraschend ihren Rückzug vom Turm an. Der Verband war schockiert, 2002 war Kotzian zusammen mit Annett Gamm noch Europameisterin im Synchronspringen geworden. Als man keinen Ausweg mehr wusste, brachte jemand den Namen Nora Subschinski ins Spiel. Die war damals 15 Jahre alt, Annett Gamm 26, und der Verband zitterte nicht zu Unrecht um den Startplatz bei den Olympischen Spielen. Doch schon einen Monat später schafften die beiden Synchronspringerinnen die Sensation: Sie gewannen den Champions Cup in Stockholm und sicherten sich beim Weltcup im Februar den schon verloren geglaubten Startplatz für Athen.

Der Erfolg von Synchronspringer-Paaren beruht nicht allein auf der Perfektion der Bewegung. Goldmedaillen gewinnen im Synchronspringen nur diejenigen, zwischen denen das herrscht, was Subschinskis Trainer Jan Kretzschmar „perfekte Harmonie“ nennt. Subschinski und Gamm mussten sie zuerst suchen, diese Harmonie. Am Anfang habe man sich regelrecht „gesträubt“, zusammen auf den Turm zu steigen. Gamm ist elf Jahre älter als Subschinski, seit 22 Jahren Turmspringerin und hat bereits zweimal die Qualifikation für die Spiele verpasst. Subschinski sammelt Fan-Artikel von Michael Schumacher, und bei den Olympischen Spielen vor vier Jahren war sie noch zu jung, um sich mitten in der Nacht das Turmspringen anschauen zu dürfen. Kretzschmar sagt, die 16-Jährige profitiere von Gamms Erfahrung und Gamm von der Spontanität der Jüngeren. 15 000 Sprünge haben die beiden im vergangenen Jahr absolviert, aber Subschinski sagt, dass sie noch immer großen Respekt hat, wenn sie den Turm hochklettert. Sie trainiert mit einem Ballett- und einem Mentaltrainer, der ihr Atemübungen beibringt gegen die Nervosität. Im Hochleistungssport wird nichts dem Zufall überlassen. „Wer Erfolg haben will, muss auch mal auf Dinge verzichten können“, sagt Kretzschmar. Subschinski hat beschlossen, ab nächstem Jahr auf die Schule zu verzichten und in die Sportfördergruppe der Bundeswehr einzutreten. Sechs Wochen lang Grundausbildung, danach darf sie sich ganz aufs Springen konzentrieren. „Sie lebt für ihren Sport“, sagt Kretzschmar.

Am 16. August werden Gamm und Subschinski gemeinsam auf den olympischen Turm steigen, fünfmal, fünf Sprünge, bei denen alles stimmen muss. „Wenn sie oben steht, kann ich ihr nicht mehr helfen“, sagt Kretzschmar. Spätestens dann wird Nora Subschinski aber begriffen haben, wie es ist, dabei zu sein, bei den Olympischen Spielen 2004.

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