16. Spieltag : Hertha sinkt

Die Berliner verlieren nach schwacher Leistung in Nürnberg. Es ist die dritte Niederlage in Folge für Hertha. Die Mannschaft von Trainer Lucien Favre bewegt sich in flottem Tempo in Richtung Abstiegszone.

Claus Vetter[Nürnberg]
Hertha
Berlins Steve van Bergen auf dem Boden der Tatsachen. -Foto: ddp

Hans Meyer hatte ein wenig Mitleid mit seinem Berliner Kollegen. Der Trainer des 1. FC Nürnberg schaute Lucien Favre gestern Abend in der Nürnberger Arena aufmunternd an und sagte: „Ich wünsche euch weiter viel Glück.“ Doch der Schweizer hatte seinen Kopf gesenkt, wirkte abwesend. Fast, ja fast wäre Hertha BSC gestern noch zu einem Erfolgserlebnis gekommen. In der Nachspielzeit erzielte Marko Pantelic ein Tor, das Schiedsrichter Florian Meyer wegen einer Abseitsstellung nicht anerkannte – es wäre Herthas Ausgleichstreffer zum 2:2 gewesen. „Das muss ja eine Millimeterentscheidung gewesen sein“, sagte Meyer. Doch Favre sagte: „Der Sieg von Nürnberg war verdient.“ Die 1:2 (0:2)-Niederlage war es demnach für den Berliner Fußball-Bundesligisten auch.

Hertha bewegt sich nun nach dem dritten Spiel ohne Punktgewinn in Folge in flottem Tempo in Richtung Abstiegszone. Das sah gestern auch Verteidiger Andreas Schmidt so. „Wir sind mit diesem Spiel dem Abstiegskampf einen Schlag näher gekommen“, sagte Schmidt. „Es ist erschütternd, dass bei uns die einfachsten Dinge nicht funktionieren. Wir müssten einfach mal nur kämpfen.“

Kämpfen wollten die Berliner vor 41 490 Zuschauern vielleicht noch in der Schlussphase, aber bestimmt nicht in der ersten Halbzeit. „Nach fünf Minuten hatten wir schon zehn Ballverluste“, sagte Favre verärgert. In der Tat war es gestern lange Zeit ein ungleiches Duell selbstbewusster Franken gegen verängstigte Berliner. Für die Nürnberger, beflügelt durch ihren 2:1-Erfolg im Uefa-Cup am Mittwoch gegen Alkmaar, war der Anpfiff der Startschuss zu einem Sturmlauf auf das Berliner Tor. Dahin zu kommen, war nicht schwierig. Ein einziger Pass von Dominik Reinhardt reichte schon nach wenigen Spielminuten, um die Berliner Abwehr auszutricksen: Steve von Bergen kam zu spät, Angelos Charisteas lief allein auf Herthas Torwart Jaroslav Drobny zu und drosch den Ball aus halbrechter Position ins lange Eck.

Hertha war nach dem frühen Gegentreffer noch mehr verunsichert, minutenlang war Trainer Favre an der Seitenlinie der einzige Aktivposten auf Berliner Seite. Der Schweizer lief in seiner Coaching-Zone auf und ab, gestikulierte und bat, wann immer es das Spiel erlaubte, seine Spieler zu Einzelgesprächen. Es nützte nichts. Hertha spielte zwar mit den zuvor leicht angeschlagenen Pantelic und Gilberto, doch was letzterer leistete, war kaum der Rede wert. Gilberto wurde in der zweiten Halbzeit ausgewechselt, für den brasilianischen Nationalspieler kam der 18 Jahre alte Bundesligadebütant Ibrahima Traore.

Es gab gestern einfach keinen ordentlichen Spielaufbau bei Hertha, im Mittelfeld und in der Defensive brachten Favres Umstellungen im Vergleich zum 0:3 gegen Leverkusen am vergangenen Sonnabend nichts: Pal Dardai war überfordert, Andreas Schmidt bildete mit von Bergen in der ersten Halbzeit ein unsicheres Innenverteidigerpaar. Den immerhin bemühten Fabian Lustenberger und Pantelic gelangen im ersten Durchgang zwei Verlegenheitsschüsse, bevor dann Zvjezdan Misimovic noch vor dem Pausenpfiff für klarere Verhältnisse sorgte: Eine Flanke von Nicky Adler verlängerte der überforderte von Bergen unabsichtlich, bevor dann der im Strafraum wartende Misimovic unbehelligt per Direktabnahme ins Tor schießen durfte. Drobny berührte den Ball zwar noch, war aber letztlich machtlos.

In der zweiten Halbzeit machten die Nürnberger – die mit dem Sieg die Abstiegsränge verließen – da weiter, wo sie in der ersten aufgehört hatten, vergaßen aber das Toreschießen. Und Hertha kam tatsächlich zum Anschlusstreffer. Fabian Lustenberger schoss das Tor aus Nahdistanz, nachdem Vorlagengeber Pantelic sich auf der linken Seite durchgewurschtelt hatte und Lustenberger der Ball an die Brust gesprungen war. Für den jungen Schweizer war es das erste Bundesligator.

Der engagierte Lustenberger war der einzige Lichtblick in einer überforderten Hertha-Mannschaft, die nach dem Schlusspfiff mit der knappen Niederlage noch gut bedient war, auch wenn der Anschlusstreffer ein wenig Schwung ins Berliner Spiel brachte. Favre erkannte sogar „eine gute Reaktion“ seiner Mannschaft. In der Nachspielzeit hätte dann Pantelic beinahe noch für einen ebenso unverdienten wie versöhnlichen Spielabschluss gesorgt – es war eine knappe Entscheidung von Schiedsrichter Meyer.

Ein Spiel hat Hertha noch bis zur Winterpause, und da können die Berliner nur gewinnen. Aber siegen können sie gemessen an ihren jüngsten Auftritten wohl kaum: Am Sonnabend kommt der FC Bayern München ins Berliner Olympiastadion.

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