Sport : 18 wertvolle Sekunden

Sebastian Deisler spielt wieder Fußball. Er hofft, dass es sein letztes Comeback ist

Daniel Pontzen[München]

Beinahe wäre der große Moment an seiner Ehe gescheitert. Acht Monate lang hatte Sebastian Deisler schuften müssen für diesen Augenblick, erst vergangene Woche hatte er sich bereit zum Comeback gemeldet. Und jetzt drohte es auszufallen: Der Ring klemmte.

Seit Beginn der zweiten Halbzeit hatte sich der Nationalspieler hinter Oliver Kahns Tor warm gemacht, und lange Zeit hatte es nicht danach ausgesehen, als sollte er noch zum Einsatz kommen. Seine Bayern führten 2:1 gegen den VfB Stuttgart, „einen Offensiven habe ich da nicht gebraucht“, sagte Trainer Felix Magath. Erst spät entschied sich der Trainer doch noch anders, da lief die zweiminütige Nachspielzeit schon.

Nun musste es schnell gehen. Kotrainer Seppo Eichkorn hastete von seiner Bank, winkte Richtung Deisler, und als der das Zeichen des Kotrainers sah, lächelte er ungläubig, sein Blick fragte: „Jetzt noch?“ Dann spurtete er los, mit großen Schritten zur Mittellinie. Der Linienrichter und der vierte Offizielle, die beiden Männer also, die Einwechslungen vorbereiten müssen, hatten alles mitbekommen, und sie wollten dem schönen Moment nicht im Wege stehen: Das Eintippen der Nummer in die Auswechsel-Anzeige, das Signal an den Schiedsrichter, alles ging ein bisschen schneller als sonst. Doch bei einer Sache kannte das Gespann keine Gnade: Der Ehering musste vom Finger, eine Regel schreibt dies vor seit dieser Saison, keinerlei Schmuck dürfen die Spieler tragen.

Wertvolle Sekunden verrannen, ehe es endlich flutschte. Zu Deislers Glück sprang der Ball exakt in jenem Moment knapp neben ihm ins Aus. Roy Makaay verließ den Platz und herzte Deisler, wieder vergingen Sekunden, aber dann durfte er mitspielen, und er schaffte es sogar, noch zwei Mal den Ball zu berühren. Exakt 18 Sekunden, nachdem der Mann mit der Nummer 26 den Platz betreten hatte, pfiff der Schiedsrichter ab. Deisler jubelte, dann umarmte er Mitspieler Christian Lell. Er hätte in jenem Moment vermutlich auch jeden anderen umarmt; Lell stand gerade in der Nähe. Der Stuttgarter Daniel Bierofka kam zu Gratulation und Trikottausch, er hatte sein Hemd schon über den Kopf gezogen, aber Deisler winkte mit höflicher Geste ab: Dieses Souvenir wollte er selbst behalten.

Es sei eine harte Zeit, „wenn man nicht das tun kann, was man liebt“, sagte Deisler nach dem Duschen und strahlte. Es war nicht irgendein Comeback, sondern eines, bei dem zwischenzeitlich nicht festzustehen schien, ob es überhaupt stattfinden würde. Mitte März hatte sich Deisler im Training eine Knorpelabsprengung zugezogen, woraufhin wieder eine Operation an seinem rechten Knie notwendig wurde. Es war bereits die fünfte an jenem Gelenk, und zumindest emotional wohl eine der schmerzhaftesten, schließlich kostete sie Deisler wie schon 2002 die WM-Teilnahme.

Bloß nichts überstürzen lautete diesmal sein Motto, er werde sich nicht unter Druck setzen, hatte er zuletzt immer wieder betont. Sein wievieltes Comeback dies nun sei, konnte er nicht sagen, nach kurzem Überlegen fügte er schlagfertig hinzu, „das letzte“. Schritt für Schritt solle es auch nun weitergehen, „ich fühle mich gut“, sagte Deisler, und Trainer Magath stellte in Aussicht, „dass er bald längere Einsatzzeiten“ bekomme.

Fraglich ist, auf welcher Position Deisler zum Zuge kommen wird. Im rechten Mittelfeld, in dem er vor seiner Verletzung unter Magath spielte, ist inzwischen Mark van Bommel gesetzt. Doch nach der Abkehr vom Drei-Stürmer-Experiment ist die Planstelle hinter den Spitzen wieder vakant. Fast ein halbes Dutzend Spieler durfte sich dort inzwischen versuchen, einen überzeugenden Eindruck hinterließ keiner von ihnen. Gut möglich also, dass auch Deisler eine Chance auf seiner Lieblingsposition erhält, die in den vergangenen Jahren von Michael Ballack geblockt war. „Er ist auch ein Kandidat, der aus dem Zentrum kommt“, hatte Magath schon vergangene Woche angekündigt.

Vielleicht reicht es sogar schon zu einem Einsatz am Mittwoch, in der Champions League bei Spartak Moskau. Die Bayern sind schon fürs Achtelfinale qualifiziert, es bietet sich in dem Spiel daher eher die Möglichkeit zu experimentieren als im aktuellen Bundesliga-Alltag. „Abwarten“, sagte Sebastian Deisler, ehe er federnden Schrittes das Stadion verließ.

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