Sport : 1860 München: Die ewige Nummer zwei

Detelf Dresslein

Oft sind es kleine Dinge, die große Freude machen. Oder kleine Menschen. "Ich bin sehr stolz, wenn in der Stadt Kinder mit unserem Trikot herumlaufen", sagt Karl-Heinz Wildmoser, der Präsident des TSV 1860 München. Denn er weiß, dass "uns eine ganze Generation an Fans fehlt". Die ist den Löwen während der achtziger Jahre abhanden gekommen, die sie fast komplett in der Drittklassigkeit verbracht haben. So orientierten sich viele junge Fans eben zum Nachbar FC Bayern, der dadurch ein enormes Kundenpotenzial aufbauen konnte, während sich die ehemals so beliebten Sechziger über niederbayerische Dörfer quälten.

Nun spielen sie gar aussichtsreich um die Teilnahme an der Champions League - nach dem 1:2 am Mittwoch in Leeds genügt beim Rückspiel in der kommenden Woche ein 1:0-Sieg. Das würde so ziemlich jeder deutschen Mannschaft ungeteilte Aufmerksamkeit einbringen - und ist in München doch nur zweitrangig. Denn über allem schwebt der große FC Bayern, der unbestritten erfolgreichste Verein der ganzen Republik. Und zu allem Überfluss stieg im vergangenen Jahr auch noch ein dritter Verein aus der Gegend in die Bundesliga auf, die SpVgg Unterhaching. Und der wandten sich alle Fans mit Sympathie für kleine, unterprivilegierte Emporkömmlinge zu, eine Nische, die zuvor dem Arbeiterverein TSV 1860 reserviert schien. Der musste sich dagegen ob seines Erfolgs den nicht als Kompliment gedachten Beinamen "FC Bayern light" gefallen lassen.

Die Gefahr, in diesem Spannungsfeld unterzugehen, wendeten die Löwen bravourös ab. Sie wurden Vierter in der Meisterschaft. Aber schon der Blick auf die Zuschauerresonanz der Erfolgssaison 1999/2000 verheißt wenig Gutes. Nur kaum besser wurde der Schnitt gegenüber der Vorsaison, als die Hachinger noch zweitklassig waren, die Löwen aber lediglich im Mittelfeld herumdümpelten. Es wäre wohl stark abwärts gegangen mit der durchschnittlichen Besucherzahl, wäre die vergangene Saison nicht so erstaunlich gut verlaufen. Und auch das gehört zu 1860: anstatt sich am Erfolg zu erfreuen, maulten viele Fans am Spielort Olympiastadion herum, der vermeintlichen Heimstatt des verhassten FC Bayern. Sie forderten einen Umzug ins geliebte, aber völlig marode Stadion an der Grünwalder Straße. Und gepfiffen wird ohnehin sehr schnell, wenn es sportlich mal nicht so läuft. Trainer Werner Lorant legt sich deshalb mitunter schon mal mit dem Publikum an und bezichtigt es der Ahnungslosigkeit

Ohne viel Geld und ohne namhafte Spieler haben Wildmoser und Lorant diesen Erfolg im ewigen Schatten des FC Bayern aufgebaut. Der Verein verfügt heute über exzellente Trainingsbedingungen, eine Amateurmannschaft in der Regionalliga und ein modernes und sehr schickes Vereinsgebäude. Dort wurde das Geld investiert, das man bei den Kickern spart. In dieser Saison angelte man sich den norwegischen Rekordnationalspieler Erik Mykland. Ein typischer Löwen-Transfer. Werner Lorant wollte ihn schon vor Jahren haben, doch er war zu teuer. Nun lief sein Vertrag bei Panathinaikos Athen aus, und 1860 bekam ihn ablösefrei. Nach der Europameisterschaft, bei der Mykland hervorragend spielte, hätten Vereine aus England und Frankreich viel Geld für ihn bezahlt. Auch vier weitere Zugänge, darunter die bundesligaerfahrenen Uwe Ehlers (von Hansa Rostock) und Markus Beierle (vom MSV Duisburg), kamen ablösefrei.

Doch alle diese Leistungen werden wohl auch künftig nur an zweiter Stelle gewürdigt werden. "Wir haben halt ausgerechnet den FC Bayern in unserer Nachbarschaft", sagt Karl-Heinz Wildmoser leicht resignierend. Und er hofft auf das fast Unmögliche: "Wir wollen versuchen, irgendwann gleichzuziehen." Vielleicht in einer nächsten Generation.

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