Sport : 1860 München - Hertha BSC: Zwei Klubs, ein Problem

Michael Rosentritt

Vor einem Jahr tauchte plötzlich Werner Lorant in einem Autosalon am Kurfürstendamm auf. Der weißhaarige Trainer des TSV 1860 München war als Festredner für seinen Kollegen Jürgen Röber gebucht. Der Fußballlehrer in Diensten von Hertha BSC hatte mit großem Abstand die Wahl zum "Berliner Trainer des Jahres" gwonnen, und Lorant hielt eine ebenso herzliche wie anerkennende Laudatio. Einen Tag später duellierten sich beide Mannschaften im Berliner Olympiastadion bis hin zu einer Punkteteilung. Zufrieden waren beide.

Die Zeiten aber haben sich geändert und mit ihnen die Ansprüche. Der Tabellenzweite aus Berlin will heute im Münchner Olympiastadion (17 Uhr 30, live auf Premiere World) seine Position festigen. Und auch dem TSV 1860 helfen in der augenblicklichen Situation nur drei Punkte, weshalb Münchens Präsident Karl-Heinz Wildmoser schon mal gefordert hat: "Wir müssen gegen Hertha unbedingt gewinnen."

Nun taugen präsidiale Forderungen herzlich wenig, ein Spiel zu gewinnen. Noch dazu, wenn es in der eigenen Verteidigungslinie drunter und drüber geht. Sieben Gegentore in zwei Bundesligaspielen (0:4 gegen Lautern, 1:3 gegen die Bayern) mussten die Münchner zuletzt hinnehmen. Und mit dem 2:3 im Uefa-Pokal bei Halmstads BK kassierte der TSV 1860 die dritte Niederlage in Serie - und manch einer befürchtet schon ein ähnliches Schicksal wie vor drei Jahren, als die Sechziger in der zweiten Uefa-Cup-Runde an Rapid Wien scheiterten.

"Uns fehlen wichtige Abwehrspieler", hat Lorant in den letzten Wochen ein ums andere Mal gesagt und in diesem Zusamenhang sogar das Wort "Krise" in den Mund genommen. Vor allen das Fehlen von Libero Ned Zelic hat sich in den zurückliegenden Wochen negativ bemerkbar gemacht. Aushilfs-Libero Marco Kurz sowie dessen Adjutanten Filip Tapalovic und Uwe Ehlers luden den Gegner durch eigene Stellungsfehler zum Toreschießen ein. In Schweden konnte der Australier Zelic noch nicht spielen, zu sehr schmerzte eine Sehnenentzündung im Fuß. Heute aber will er unbedingt dabei sein. Und Uwe Ehlers, der zu Saisonbeginn aus Rostock nach München gewechselt war, kam mit dem bemerkenswerten Satz daher: "Wenn wir endlich mal zu null spielen, dann gewinnen wir auch." Klingt einfach.

Auch die Berliner haben einige Probleme mit ihrer Defensivabteilung. Zwar hat Hertha BSC in neun Bundesligaspielen die meisten Tore erzielt (23), aber auch 14 Gegentore kassiert. Der Abwehrreihe fehlt ein Chef, der die Kommandos gibt. Eigentlich sollte es Dick van Burik werden, doch der gilt als zu verletzungsanfällig. Deswegen hatte sich Röber für René Tretschok entschieden, der mal ganz stark (gegen den HSV und Bochum), mal ganz schwach (in Wolfsburg und Unterhaching) spielte. Und am Donnerstag, beim 3:1 im Uefa-Pokal gegen Amica Wronki, war Andreas Schmidt dran. "Ich entscheide von Spiel zu Spiel", sagte Röber nach diesem Spiel. "Alle tragen Verantwortung", sagt Manager Dieter Hoeneß, "Hauptsache, wir stehen hinten sicher." Das hätte Jürgen Röbers weißhaariger Kollege aus München nicht besser sagen können.

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