Sport : 2006 steht vor der Tür

Vor Olympia stecken die deutschen Skirennfahrerinnen in der Krise – auch die Zukunft sieht düster aus.

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Angeschlagen, abgeschlagen. In Vancouver holte Viktoria Rebensburg Olympiagold im Riesenslalom – in diesem Winter fährt sie meist hinterher. Foto: Imago
Angeschlagen, abgeschlagen. In Vancouver holte Viktoria Rebensburg Olympiagold im Riesenslalom – in diesem Winter fährt sie meist...Foto: imago/GEPA pictures

Lienz - Wolfgang Maier war hin- und hergerissen. Einmal nickte er anerkennend mit dem Kopf, dann schlug er enttäuscht mit der Faust in den Plastikzaun. Im zweiten Durchgang des Weltcup-Slaloms von Lienz überwog dann wieder der Ärger beim Alpindirektor des Deutschen Skiverbandes, so wie am Tag zuvor beim Riesenslalom. Aber die letzte Skirennläuferin sorgte dann doch noch für ein versöhnliches Jahresende. Maria Höfl-Riesch belegte am Sonntag den dritten Platz im Slalom hinter Marlies Schild aus Österreich und der Amerikanerin Mikaela Shiffrin. Als Achte schaffte es immerhin auch Christina Geiger in die Top Ten.

Vor ein paar Jahren wäre dieses Ergebnis höchstens mittelmäßig gewesen. Im vergangenen Olympia-Winter galt das deutsche Slalom-Team als bestes der Welt, um die vier Startplätze in Vancouver gab es einen harten Kampf. Für die Winterspiele in Sotschi im Februar haben überhaupt erst insgesamt drei deutsche Skirennläuferinnen die Qualifikationskriterien mit zwei Platzierungen unter den besten 15 oder einer unter den besten acht erfüllt. Neben Maria Höfl-Riesch sind dies Christina Geiger und Riesenslalom-Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir schon einmal nur so wenig Frauen dabeihatten“, sagt Maier. Wenn nicht noch die Lenggrieserin Barbara Wirth den zweiten Teil der Norm oder Lena Dürr und Susanne Riesch an ihren hoffnungsvollen ersten Durchgang in den kommenden Torläufen anknüpfen können, findet der Slalom am 21. Februar 2014 in Sotschi mit nur zwei Deutschen statt.

In den anderen Disziplinen sieht es nicht viel besser aus. In der Abfahrt wird es voraussichtlich sogar nur eine deutsche Starterin geben: Maria Höfl-Riesch. An ihr bleibt alles hängen, wenn Viktoria Rebensburg wie am Samstag im Riesenslalom nach überstandener Lungenentzündung hinterherfährt. Beim Sieg der Österreicherin Anna Fenninger belegte die Kreutherin nur den 24. Platz, so weit hinten war sie seit vier Jahren nicht mehr gelandet. Trotzdem muss sie die Nachfolge von Maria Höfl-Riesch antreten, wenn die, worauf vieles hindeutet, am Saisonende ihre Karriere beendet.

Es geht wieder einmal eine erfolgreiche Ära zu Ende. Aber für das Finale hat sich Maria Höfl-Riesch noch einiges vorgenommen. „Nach den letzten holprigen Wochen, in denen es nicht so richtig geflutscht ist, ist es schön, dass das Jahr so zu Ende geht“, sagte sie. Sie hat vor allem Gold in Sotschi im Visier, aber kämpft auch noch einmal chancenreich um die große Kristallkugel. Der Slalom sei „in Bezug auf den Gesamtweltcup sehr wichtig, weil meine Konkurrentinnen da nicht antreten“. Tina Weirather, Lara Gut und Anna Fenninger, die nur knapp hinter der 29-Jährigen vom SC Partenkirchen liegen, müssen ihre Punkte in nur drei Disziplinen sammeln.

„Wir sind wieder da, wo wir 2006 waren“, sagte Maier. Damals war in Martina Ertl-Renz die letzte Rennläuferin der goldenen Generation des DSV abgetreten. Weil die junge Maria Höfl-Riesch nach zwei Kreuzbandrissen fast zwei Jahre fehlte, fiel die Frauenmannschaft in ein tiefes Loch. „Ich dachte eigentlich, dass wir alles getan haben, damit es dieses Mal nicht so krass wird.“

Erklärungen für die kleine Frauenkrise gibt es viele. Eine davon ist Verletzungspech. Jedes Jahr erwischt es mindestens eine Athletin, die auf dem Sprung zur erweiterten Weltspitze steht. Vor einem Jahr war es Susanne Weinbuchner, dieses Mal erwischte es Veronique Hronek. Sie hatte immerhin bereits die halbe Olympianorm erfüllt, ehe sie sich vor Weihnachten in Val d'Isère das Kreuzband riss. Ein anderer Grund ist ein natürlicher Zyklus, der sogar die an Talenten reichen Alpin-Nationen trifft. Die Liste der österreichischen Athletinnen, die im Weltcup um einen Podestplatz mitfahren, ist übersichtlich: Anna Fenninger, Marlies Schild im Slalom und Kathrin Zettel. Maier wird deshalb nach diesem Winter wieder einmal den Frauenrennsport neu strukturieren, womöglich auch Trainer austauschen. Und hoffen, dass bald wieder eine wie Maria Höfl-Riesch auftaucht. Elisabeth Schlammerl

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