24-Stunden-Rennen : Der traurige Mythos von Le Mans

Das 24-Stunden-Rennen steht im Zeichen einer Tragödie und wirft nach dem Tod des Dänen Allan Simonsen Fragen zur Sicherheit auf. Simonsens Landsmann Tom Kristensen kann sich über seinen Sieg nicht freuen.

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Das Rennen ist vorbei. Tom Kristensen überquert mit seinem Audi die Ziellinie.
Das Rennen ist vorbei. Tom Kristensen überquert mit seinem Audi die Ziellinie.Foto: AFP

Es sollte ein großes Fest werden, das Rennen zum 90. Jubiläum des 24-Stunden-Klassikers von Le Mans: Es wurde ein Rennen der Emotionen, Dramen und Tragödien, über das normale Maß von Stress und Anstrengung für die Beteiligten hinaus. Und es war ein Rennen, das von einem Unfall überschattet wurde: Der Däne Allan Simonsen starb wenige Stunden nach einem Unfall in der zweiten Runde. Angesichts der Tragödie konnte sich sein Landsmann Tom Kristensen dann auch nicht über den Sieg freuen.

Es war ein Rennen für den traurigen Mythos Le Mans. An die 250 000 Fans waren diesmal gekommen – nicht nur aus Frankreich, sondern vor allem aus England und Dänemark. Von dort, um ihrem Landsmann Tom Kristensen zuzujubeln, der diesmal mit seinen Audi-Teamkollegen Loic Duval und Allan McNish wieder ganz oben stand. Nach einem chaotischen Rennen, bei dem das Wetter mit immer wieder leichten oder auch heftigeren Regenschauern zusätzliche Dramatik brachte – etwa mit dem neuen Rekord von zwölf Safety-Car-Phasen, die insgesamt über fünf Stunden dauerten.

Zum neunten Mal in seiner Karriere gewann Kristensen. Damit ist er Rekordsieger von Le Mans. Der Audi setzte sich vor dem Toyota mit Anthony Davidson, Sebastien Buemi und Stephane Sarrazin und einem weiteren Audi mit Marc Gené, Lucas di Grassi und Oliver Jarvis durch. Doch diesmal hatte der Sieg für Kristensen und seine Landsleute auf den Tribünen eben einen traurigen Beigeschmack: Schon in der zweiten Rennrunde hatte der 34-jährige Däne Allan Simonsen im Aston Martin GTE einen schweren Unfall, musste aus dem Auto geborgen und in einem Krankenwagen ins Medical Centre an der Strecke gebracht werden. Drei Stunden später kam die schockierende Nachricht: Simonsen erlag im Medical Centre seinen schweren Verletzungen. Als Kristensen den Helm abnahm, irrlichterten die widersprüchlichen Emotionen durch sein Gesicht, unter der zunächst auf Halbmast wehenden dänischen Flagge auf dem Podium. Bei der Siegerehrung weinte Kristensen. Auch auf der Pressekonferenz musste er noch heftig schlucken: „Mein Vater war mein größter Unterstützer. Er ist im März gestorben, ich wollte Le Mans für ihn gewinnen. Jetzt hoffe ich, dass ich hier noch einmal siege, um ihm dann diesen Triumph widmen zu können, denn der heutige gehört Allan Simonsen.“

Der Alptraum von Le Mans

Da war er wieder, der Alptraum von Le Mans. Früher hatten tödliche Unfälle zur Tagesordnung gehört, die Strecke mit der langen Hunaudieres-Geraden, auf der vor dem Einbau der Schikanen Geschwindigkeiten von über 400 Kilometern möglich waren, galt als eine der gefährlichsten der Welt. Doch seit 1986, seit dem Tod des Österreichers Jo Gartner, war an einem Rennwochenende nichts mehr passiert, auch in Le Mans schien man durch mehr Streckensicherheit und sichere Autos das Risiko in den Griff zu bekommen – umso größer war nun der Schock.

Bei Aston Martin sollte Le Mans im Jahr des 100-jährigen Firmenjubiläum zum Saisonhöhepunkt werden. Nach der Tragödie entschied Teamchef David Richards nach Rücksprache mit der Familie auf deren Wunsch, seine anderen vier Autos in der GTE-Kategorie nicht zurückzuziehen. In der Box arbeiteten alle so normal wie möglich weiter, versuchten wohl auch, sich durch die Konzentration auf die Aufgabe von dem Geschehenen abzulenken. Und bis fünf Stunden vor Schluss lag der Aston Martin von Bruno Senna, Fred Makowiecki und Rob Bell an der Spitze, schien auf dem Weg zum sicheren Sieg zu sein - ehe Makowiecki auf der feuchten Strecke das Auto aus der Kontrolle verlor und heftig in die Leitplanken flog.

In der Box flossen nun die Tränen, Makowiecki selbst saß minutenlang weinend und völlig am Boden zerstört neben der Leitplanke. Teamkollege Bruno Senna behielt trotz der riesigen Enttäuschung die Fassung: „Das einzige was zählt, ist, dass Fred okay ist, dass ihm nicht auch noch etwas passiert ist. Der Rest ist Rennsport, so etwas passiert nun einmal. Aber so ist Rennsport.“ Der Neffe des unvergessenen dreimaligen Formel-1-Weltmeisters Ayrton Senna, der 1994 in Imola tödlich verunglückte, erlebte „zum ersten Mal persönlich mit, dass jemand in einem Rennen stirbt, in dem ich dabei bin. Es war schwer heute, jedes Mal, wenn ich durch die Kurve gefahren bin, habe ich an Allen gedacht. Seine Familie hatte gebeten, dass wir weiterfahren, um für ihn zu gewinnen.“

Das klappte dann nicht mehr. Zumindest fuhr der zweite Aston Martin mit dem Berliner Stefan Mücke als Dritter hinter zwei Werks-Porsche noch auf’s Podium.

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