Sport : 25 km von Berlin: Chip im Schnürsenkel

Andre Görke

Das morgendliche Tässchen Kaffee schwappt im Magen auf und ab. Es ist kurz vor Neun, rund 6000 Läufer hopsen vor dem Olympiastadion auf der Stelle. Warmmachen für die 25 km von Berlin. Dann fällt endlich der Startschuss, das Volk johlt. Die Spitzenläufer sind längst weg, da stehen sich die zusammengequetschten Freizeitjogger noch auf den Füßen herum. Vier Minuten später ist endlich auch der Letzte auf der Piste.

Kampfrichter Wolfgang Haack vom Leichtathletikverband schaut der hüpfenden Masse hinterher. "Alles in Ordnung. Keiner ist zu früh losgerannt", sagt er. Die schwarze Stoppuhr baumelt um seinen Hals. Vier Uhren sind im Einsatz, sagt er. "Schließlich geht es ja für einige um etwas." 1:13:44 Stunden lang hat er nun Zeit, zur Ziellinie am Glockenturm zu laufen. Das ist die neue Weltrekordzeit, in der Rodgers Rop gewinnen wird. Früher fand der Zieleinlauf noch im Olympiastadion statt. Da das Stadion aber umgebaut wird, ist der Tunnel ins nnere gesperrt.

Halb zehn. Die Läufer haben knapp zehn Kilometer hinter sich gebracht, die Spitzengruppe durchläuft das Brandenburger Tor. Zeitgleich kommen bereits am Glockenturm die ersten der knapp 1000 Teilnehmer auf Inline-Skates eingetrudelt. Anne Köppen aus Rudow schaut auf die Uhr: "Einsnullsechs", sagt sie. "Ganz okay." Aber rutschig war es. Probleme bereiten vielen Skatern die roten Gummimatten an der Ziellinie, unter denen sich die Sensoren befinden, die die darüber laufende Person identifiziert. "Den Chip haben sich die meisten in die Schnürsenkel eingeflochten", sagt Stephan Lenz. "Unser Computer misst nun die Differenz zwischen Start und Ziel."

Und da diese Differenz bei den meisten Läufern doch etwas größer ist, pilgert die angereiste Verwandschaft zu Schokopudding, Matjesbrötchen und Nackensteak. Ein kaltes Bier darf bei so einem Sonntagsfrühstück nicht fehlen. Heinrich Scholtyssek empfiehlt Langstreckenläufern diese Sportlernahrung nicht gerade. Ein kleines Stück Banane reicht, sagt er. Säfte darf man vor dem Wettkampf nicht trinken. "Das hebt den Blutzuckerspiegel und ist schlecht für Läufer." Und: "Trinken, bevor man Durst hat."

Scholtyssek ist Trainer beim SC Charlottenburg und fährt die Strecke einfach auf dem Fahrrad. Sein Schützling Ahmed Moutaoukil darf laufen. "Er ist mein bester Läufer", sagt Scholtyssek. Moutaoukil kommt nach 1:25:38 ins Ziel. "Der schnellste Berliner", knattert es aus den Lautsprecherboxen. Er war war bereits schnellster Berliner beim Berlin-Marathon. "Ich wollte doch gar nicht gewinnen", sagt er. "1:45 hätte gereicht."

Annette Wolfrom kommt sieben Minuten später als beste Berlinerin durchs Ziel. Vor zwei Wochen erst ist sie in Rotterdam Marathon gelaufen. Als Entschädigung für die Qual lässt der Hauptsponsor für die beiden jeweils 500 Mark springen. "Endlich kassieren nicht immer nur die Fußballer", sagt Annette Wolfram und geht nach Hause. Die Badewanne wartet. Und der morgens übergangene Frühstückstisch.

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