Sport : 27. Berlin-Marathon: Den Therapiesport in Bewegung gebracht

Reiner Pilz

Längst sind sie ein gewohntes Bild, doch 1981 wurden sie noch ungläubig bestaunt ob ihrer handgetriebenen Fahruntersätze, die dem typischen Rollstuhl sehr ähnlich sahen. Es war die Pionierzeit der rollenden Marathon-Athleten, und in dem kleinen Feld von acht Fahrern, standen Namen, die den Therapiesport für Behinderte in Bewegung gebracht hatten: der Amerikaner Bob Hall, der als Erster 1974 die Marathondistanz im Rollstuhl zurückgelegt hatte, oder der Journalist Georg Freund aus Österreich, der schon mit einem spezialisierten Rollstuhl mit Sitzschale und besonderen Lenkrädern fuhr. Auch der Initiator des Rollstuhlrennens beim Berlin-Marathon, der Sportler und Rollstuhlkonstrukteur Errol Marklein, der später erfolgreichster deutscher Fahrer bei den Paralympics in Seoul 1988 war, war am Start. Das Erstaunlichste war aber an diesem 27. September 1981, dass der Erste im Ziel ein Rollstuhlfahrer war, eben jener Georg Freund, in einer Zeit von 2:08:44. Das sollte fortan so bleiben.

In den nächsten Jahren erlebte das Rollstuhlfahren seinen entscheidenden Aufschwung. Parallel zum Wachsen der Sportlerzahlen wurde vor allem daran gefeilt, schnellere Zeiten zu erzielen. Es gab nichts, was nicht noch verbesserungsfähig gewesen wäre. Es wurde am Gerät konstruiert und getüftelt. Fahrtechnik, Sitzposition, Trainingsinhalte und -umfänge mussten verändert werden, um mit der Konkurrenz Schritt halten zu können. Aus dem einstigen Therapiesport für Behinderte hatte sich eine Sportart mit Leistungscharakter entwickelt, deren Kennzeichen der Rennstuhl ist.

Die Bedeutung des Berlin-Marathons für diese Entwicklung ist kaum zu überschätzen. Die Offenheit und Selbstverständlichkeit des Veranstalters, Rollstuhlfahrer zu integrieren, und die flache, schnelle Rekordstrecke mit dem einzigartigen Berliner Flair sorgten dafür, dass der Berlin-Marathon zu einem Treffpunkt der Rollstuhlsportler wurde. Gleichzeitig war die Veranstaltung auch immer Test, Messe und Ideenkonferenz für die Konstrukteure und Bastler unter den Sportlern. Hier offenbarte sich der Stand der Entwicklung, hier lernte man aus den Erfahrungen anderer. Ablesbar an der Entwicklung der Teilnehmerzahlen, der internationalen Beteiligung und vor allem der Weltbestzeiten, die hier erzielt wurden, gehört der Berlin-Marathon zu den Klassikern für die Rollstuhlfahrer. Bis zu rund 200 Fahrerinnen und Fahrer aus aller Welt, darunter etwa 70 Prozent aus dem Ausland, finden sich in Berlin jährlich ein - vom Anfänger bis zum Weltrekordler. 1994 ist der Berlin-Marathon der Weltmeisterschaftslauf des Internationalen Paralympischen Komitees gewesen, 1995 fand hier die Internationale Deutsche Meisterschaft statt. Die organisatorischen Bedingungen wurden ständig verbessert: eine von der Bestzeit abhängige Startaufstellung, ein mehrspuriger Zieleinlauf, die Wertung und Prämierung der einzelnen Klassen, mobiler technischer Service während des Wettkampfes sowie die Darstellung im Programmheft gehören dazu.

Seit 1986 wurden in Berlin sieben Weltbestzeiten in den unterschiedlichen Funktionsklassen erzielt, zwei davon sind aktuell: In der Klasse T 1 fuhr der Deutsche Heinrich Köberle 1995 2:23:08 Stunden, in der T 2 erreichte Christoph Etzlstorfer (Österreich) vor zwei Jahren 1:53:56. Ein Athlet, der in Berlin zum Synonym für den Rollstuhlmarathon wurde, ist der Schweizer Heinz Frei. In der schnellsten Wertungsklasse siegte er hier bereits zwölf Mal und verbesserte vier Mal die Weltbestzeit, die er nun im japanischen Oita auf 1:20:14 drückte. Auch am Sonntag ist Heinz Frei wieder am Start. Sein Traum, die Schallmauer von 80 Minuten zu unterbieten, will er in Angriff nehmen. Der Trainingszustand - auch der der Konkurrenten - hat ein hohes Niveau, folgen doch in diesem Jahr vom 18. bis 29. Oktober die Paralympics in Sydney. In der Frauenkonkurrenz könnte es einen deutschen Erfolg durch Lily Anggreny geben. Die Dortmunderin hat mit einem 5000-m-Weltrekord ihre starke Form bewiesen.

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