• 27. Berlin-Marathon: Die Ärztin Annette Wolfrom ist im Stress und trotzdem exzellent

Sport : 27. Berlin-Marathon: Die Ärztin Annette Wolfrom ist im Stress und trotzdem exzellent

Ingo Wolff

Ärzte müssen schnell sein. Meistens sogar sehr schnell. In einigen Ländern gibt es deshalb fliegende Doktoren. Die Ärztin Annette Wolfrom ist auch schnell und nicht nur des Berufes wegen. Sie fliegt zwar nicht, ist dafür aber flink auf den Füßen, und das sogar über lange Strecken. Deshalb läuft Annette Wolfrom Marathon. So gut, dass die Uhren am 16. April in Rotterdam bei 2:42:31 Stunden stoppten und sie damit Fünfte in der deutschen Jahresbestenliste wurde.

In Berlin könnte sie sich sogar noch verbessern, immerhin ist dieser Lauf für die 31-jährige ein Heimspiel. Für die Athletin vom Olympischen Sportclub (OSC) war Rotterdam zwar eigentlich schon der Höhepunkt des Jahres, der, wie sie sagt, "kaum noch zu steigern ist". Dennoch hofft sie auf eine erstklassige Zeit. Zumal sie im Moment "von Bestzeit zu Bestzeit" läuft und in Berlin eine Stimmung herrscht, wie sonst fast nirgendwo. In Rotterdam etwa lief sie streckenweise fast einsam zu der guten Zeit.

Allerdings erstaunt die gute Zeit ein wenig. Schließlich hat die promovierte Medizinerin, die als Assistenzärztin zurzeit in einer Praxis arbeitet, trotz geregelten Zeiten nur wenig Raum für das umfangreiche Training von bis zu 190 Kilometern pro Woche. Noch schwieriger ließ sich das Training mit den Schichtdiensten in der Klinik vereinbaren, als sie in der Ausbildung zur Fachärztin war. Besonders die 36-Stunden-Dienste bedeuten besondere Qualen. Annette Wolfrom ist damals schon um sechs Uhr morgens gerannt. Anschließend folgte ein eineinhalb Tage langer Arbeits-Marathon. Nur unterbrochen von kurzen Läufen um die Klinik, die sie sich in der Pause gönnte - das Notfall-Handy aber immer dabei. Doch diese Unregelmäßigkeit ist vorbei. Trotzdem muss sie auch jetzt mit der knappen Zeit sorgfältig haushalten. Da hilft es, dass ihr Mann gleichzeitig ihr Trainer ist. Verständnis für ihre Laufleidenschaft hat er allemal, schließlich war er selbst Langstreckenläufer. Allerdings trainiert er wegen Achillessehnen-Problemen nur noch selten zusammen mit ihr.

Über das Laufen haben sich beide auch kennen gelernt. Er war es, der sie dann von den Mittelstrecken zur "Königsdisziplin" der Langstreckenläufer geführt hat. Aus der großen Herausforderung wurde sofort eine gute Zeit bei ihrem ersten Marathon 1994. Und das nur aus dem Spaß am Laufen heraus. Für eine Spätstarterin wie Wolfrom, die erst mit 18 Jahren mit dem Laufen begann, eher überraschend. Allerdings sei sie schon als Kind überall nur hingerannt und nicht gelaufen, sagt Wolfrom. Später habe sie dann Reiten und Siebenkampf ausprobiert. Aus dieser Vielseitigkeit müssen dann wohl ihre Langstreckenqualitäten entstanden sein.

Die helfen noch heute beim Training. Ihre medizinischen Kenntnisse bringen da weniger Vorteile. "Man muss kein Arzt sein, um auf seinen Körper zu hören, gute Läufer können das auch so." Außerdem stehe in etlichen Veröffentlichungen inzwischen genügend über richtiges Laufen. "Für mich ist es faszinierend, wie gut mein Körper unbewusst sagt, was er braucht", sagt die Orthopädin und fügt hinzu, "wenn ich als Bestätigung das lese, was mein Körper zum Beispiel beim Essen vorher schon richtig gefühlt hat, finde ich das interessant." Eine schwere Krankheit in ihrer Kindheit habe sie zudem zu gesundem Essen erzogen. Wolfrom verlässt sie sich deshalb mehr auf Intuition und Instinkt, weniger auf sportwissenschaftliche Erkenntnisse. "Ich laufe, und mehr will ich nicht. Nur Wissenschaft und Testwerte wären mir zu viel. Es geht, wie man sieht, auch so." Allerdings gibt sie zu, dass es reizt, die Grenzen einmal auszutesten. Doch wegen der Doppelbelastung fehlen ihr dazu einfach die Erholungsphasen. Ein wenig gelingt ihr das im Urlaub, und der wird, wie nicht anders zu erwarten, nach dem Training ausgerichtet. Kurz vor dem Marathon ging es für die Wolfroms deshalb in Annettes bayerische Heimat in eine einsame Berghütte. Hier tankt sie ein letztes Mal auf, um dann möglichst schnell an den endlosen Zuschauerschlangen vorbeizufliegen.

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