Sport : 27. Berlin-Marathon: Michael Jordan des Inline-Skatens

Helen Ruwald

Es gibt Leute, die erfinden einen neuen Fruchtjoghurt oder Schwimmanzüge aus Haihaut. Chad Hedrick hat etwas kreiert, was eine Seite im Internet erklärt. Eine Bewegung: den double-push. Er stößt sich dabei mit einem Skate ab, der andere rollt durch die von ihm erfundene Zusatzbewegung in dieselbe Richtung. Die Skates bewegen sich im Gegensatz zum üblichen Fahrtstil parallel. "Dadurch bekommt man mehr Geschwindigkeit", erklärt Hedrick. Viele, die den Stil des Amerikaners zu kopieren versuchen, vergessen den double push am Ende des Rennens, setzen auf Kraft und fahren nicht mehr so kontrolliert. Hedrick hingegen hält durch - und rast von Sieg zu Sieg. Bei den Weltmeisterschaften Ende Juli in Kolumbien, wo alles live im Fernsehen übertragen wurde, gewann Hedrick seine WM-Titel Nummer 37 bis 41. Vor Tausenden Skater-Fans am Straßenrand verbesserte der 23-Jährige den Weltrekord über 15 000 Meter auf 22:11,96 Minuten.

In Berlin, wo sich die Starterzahl von 474 im Jahr 1997 auf rund 6500 in diesem Jahr erhöht hat, streben Hedrick und seine Mannschaft, das "Fila Dream Team", einen neuen Weltrekord an. Einer von ihnen soll als erster Mensch bei einem offiziellen Rennen die Marathonstrecke in weniger als einer Stunde schaffen. Der letztjährige Sieger Tristan Loy rollte nach 1:01:08 Stunden ins Ziel. Zum Fila Team, das ähnlich organisiert ist wie Firmenteams im Radsport, gehören die weltbesten Läufer: Amerikaner, Franzosen, Italiener, ein Japaner und die Brüder Benjamin, Christoph und Daniel Zschätzsch aus Deutschland. Ein Skater soll in eine günstige Position gebracht werden, um den Spurt zu gewinnen. Ziel ist der Sieg bei der Grand-Prix-Serie, zu der acht Marathons gehören, darunter Berlin.

Das Trainingscamp liegt in dem Ort Noale bei Venedig, nicht weit von der Fabrik, in der die Skates hergestellt werden - die für Jedermann und die Sonderanfertigungen für die Profis. Sie werden anhand von Gipsabdrücken produziert - für 3500 Mark pro Paar. Auf der Beton-Rundbahn, einer 200-Meter-Strecke, rast Hedrick seine Runden. Der Oberkörper ist tief nach vorne gebeugt, mühelos gleiten die Skates über die Bahn. Zwei Stunden trainiert die Gruppe, jeder der fünf Männer übernimmt 30 Runden lang die Führung. Zwei Stunden sind für Hedrick extrem lang. Normalerweise zieht er ein kurzes, intensives Training vor, "nur ein bisschen mehr als eine Stunde. Ich trainiere 15-Sekunden-Sprints, mache 45 Sekunden Pause und so weiter." Der Amerikaner weiß, dass er damit völlig aus dem Rahmen fällt: "Manche Skater laufen zum Training zwei Marathons - am Tag."

Chad Hedrick gilt als Michael Jordan des Inline-Skatens. Seit sechs Jahren ist er Profi, begonnen hat er als Eishockeyspieler. Weil in seiner Heimatstadt Houston Eiszeiten rar waren, wechselte er als Jugendlicher erst zum Rollhockey und dann zum Speedskating. Hedricks Eltern besitzen eine Rollschuh-Disco und auch der Sohn kann sich vorstellen, damit einmal Geld zu verdienen. Später. Zur Zeit hat er noch ganz andere Visionen: "Ich will ein Symbol dafür sein, dass Skating 2004 olympisch wird." Dafür muss der Sport noch populärer werden, auch in den USA, wo das Interesse in den letzten Jahren - anders als in Europa - zurückgegangen ist. "Viele denken beim Begriff Skating an aggressive Skater in der Halfpipe", sagt Hedrick, "wir müssen den Leuten zeigen, worum es uns wirklich geht. Um Geschwindigkeit, Eleganz, und Taktik." In flachem Gelände kann Hedrick bis auf rund 70 Stundenkilometer beschleunigen. Dieses Tempo ist natürlich nicht lange zu halten. Aber immerhin würde es reichen, um innerhalb geschlossener Ortschaften geblitzt zu werden und einen Strafzettel zu bekommen.

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