Sport : 30 Minuten Menschlichkeit

Die Westfront war Weihnachten 1915 so grausam wie alle Schlachtfelder – bis ein legendäres Fußballspiel begann

Erik Eggers

Der Ausflug in die Menschlichkeit an Weihnachten 1915 begann mit einem Lied. Noch unsichtbar für den britischen Feind, der nur 100 Meter entfernt von ihnen verharrte, noch völlig verborgen in ihren Schützengräben auf dem von Bombenkratern übersäten Feld in der Nähe des nordfranzösischen Dörfchens Laventie, saßen die Angehörigen eines bayerischen Regiments und sangen die walisische Hymne. Zunächst leise, dann immer lauter. Es herrschte Krieg in Europa, der Erste Weltkrieg tobte in aller Grausamkeit, aber die Soldaten sangen. Die Antwort kam prompt und aus dem Graben des Feindes. Die Melodie zu „Good King Wencelaus“ signalisierte auch den Deutschen, dass ihre Gegner Krieg Krieg sein lassen wollten und für Momente die Rückkehr zur friedlichen Normalität suchten.

Am nächsten Morgen schallten Rufe zu den Linien. „Hello Fritz“, riefen die Briten, „Hello Tommy“, antworteten die Deutschen. Damit waren die alten Vorbehalte verschwunden. Zuerst erhoben sich einige Deutsche aus den Gräben, um unbewaffnet in jenes Niemandsland zu schreiten, das ansonsten hochgefährliches Terrain war. Daraufhin traten ihnen Briten aus dem „Royal Welsh Fusilier Regiment“ entgegen. Spontan und vor allem: gegen jeden Befehl. Die Soldaten tauschten Zigaretten und Schokolade und kleine Erinnerungsabzeichen aus. Und ihre Gedanken.

Und auf einmal war ein Fußball da. „Es war kein richtiges Fußballspiel“, berichtete der Zeitzeuge Bertie Felstead später, „mehr ein freies Herumkicken, wir spielten hin und her. Ich kann mich noch an das Herumbalgen im Schnee erinnern. Es waren ungefähr 50 Leute auf jeder Seite. Ich spielte mit, weil ich Fußball wirklich mochte.“ Der Geist des Weihnachtsfestes, das war die Botschaft in diesen unmenschlichen Zeiten, hatte das Schlachtfeld erobert, und der Fußball hatte seinen Teil dazu beigetragen.

Ungefähr eine halbe Stunde war alles anders als sonst in diesem Krieg. Oder um es mit Bertie Felstead zu sagen: „Die Deutschen waren Männer ihres Vaterlandes, wir waren welche unseres Mutterlandes. Aber die Menschen sind, wie sie sind: Über Nacht überwältigten uns die Gefühle, und wir trafen uns im Niemandsland.“ Bis ein englischer Offizier einschritt und schrie, man solle auf die Hunnen schießen.

Die Verbrüderungsszenen rund um dieses Fußballspiel und auch die vielen anderen inoffiziellen Waffenstillstände, die es Weihnachten 1914 und 1915 an der Westfront gab, wurden lange zu Mythen überhöht. Es musste ja auch ein menschliches Antlitz geben inmitten des Mordens. Viele dieser Szenen wurden später von Historikern als Lügen entlarvt. Das Fußballspiel aber gilt als ausreichend verbürgt, denn neben dem damals 21-jährigen Bertie Felstead erzählt auch der 1929 erschienene englische Weltkriegsroman „Goodbye to All That“ von Robert Graves diese Geschichte. Graves diente im gleichen Regiment wie Felstead.

Kanonen am Weihnachtsbaum

Warum diese Begebenheiten an der Front nicht häufiger schriftlich fixiert worden sind, liegt auf der Hand. Diese Szenen stellten, das wussten Militärs, aber auch der Kaiser und die Queen persönlich, eine erhebliche Gefährdung der Kampfmoral dar. Wie sollte man auf einen Feind schießen, mit dem man eben noch Fußball gespielt hatte? Und wie sollte das erst die Heimatfront verstehen, die ganz im nationalen Überschwang den Weihnachtsbaum mit mundgeblasenen schwarz- weiß-roten Granaten und Miniaturen der legendären Kriegskanone „Dicke Bertha“ schmückte? Und so waren solche Fußballspiele in den Frontberichten gefälligst zu verschweigen.

Die Kriegsjahrbücher des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) berichteten nichts darüber, obwohl sie sonst in allen Details die rasante Ausbreitung des Fußballs an der Front bezeugten. Von Fraternisierungen durch Fußballspiele ist jedenfalls darin nichts zu lesen. Ganz im Gegenteil: Der DFB hatte den Krieg im September 1914 als „Riesenländerspiel“ und sportlichen „Länderwettkampf“ aufgefasst, den man genauso gewinnen werde wie alle sportlichen Wettbewerbe. Fußball als Büchsenspanner des Krieges: Die „Anspannung aller körperlichen und geistigen Fähigkeiten und Stählung der Nerven, die am Fußballspiel geübt sind“, meinte etwa ein Kapitän von Karpff, „kommt den Ausübungen im Krieg zugute, darum ist es für die Jugend als Vorbereitung so wertvoll.“

Erst nach dem Krieg kolportierten Sportschriftsteller wie Carl Diem diese Verbrüderungsszenen. „Das Fußballspiel ist das Soldatenspiel aller Armeen der Welt. Ich erinnere mich an eine Erzählung des Generalleutnants Fleck, des Kommandeurs eines Reservekorps, dass ihm die Engländer am ersten Weihnachtsfeiertag 1914 bei Neuve Chapelle einen 48-stündigen Waffenstillstand angeboten hatten, um in Ruhe Fußball spielen zu können“, berichtete Diem 1919, ohne indes zu sagen, ob dieser Waffenstillstand tatsächlich so stattgefunden hatte.

Und wenn nicht: Allein der Wunsch der Soldaten nach einer Begegnung mit dem militärischen Gegner verrät doch einiges über die sonderbare Stimmung an der Westfront zu Weihnachten 1914 und 1915. Wie gespenstisch diese Treffen im Niemandsland waren, zeigen Berichte, nach denen dort sogar Gewehre als Souvenirs ausgetauscht wurden. Für 1916 und 1917 sind derlei Waffenstillstände, die es so auch im deutsch- französischen Krieg 1870/’71 gegeben hatte, nicht mehr belegt. Das Fußballspiel, das Bertie Feldstead erlebte, sollte in diesen grausamen Schlachten eine der letzten Minuten der Menschlichkeit bleiben.

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