4:1 in Turin : Bayern München: Folgen einer magischen Nacht

Das 4:1 im entscheidenden Champions-League-Spiel bei Juventus Turin gibt dem FC Bayern München Selbstvertrauen für die Bundesliga.

Günther Klein[Turin]
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Kurze Euphorie. Am Tag danach war van Gaal schon wieder konzentriert. Foto: dpadpa

Wenn Schlachten geschlagen sind, wenn alles gut ausgegangen ist, sprechen Fußballer vor Glück und Erleichterung manchmal wie Reporter. So war es auch bei Mario Gomez, als er nach dem Siegesbankett des FC Bayern im Turiner Hotel Principi di Piemonte in den Aufzug in Richtung seines Zimmers stieg und sah, dass Jörg Butt, der Tore schießende Torhüter, immer noch umringt und gefragt war. „Eiskalt, dieser Mann, eiskalt. Er hat keine Nerven“, sagte Gomez. Dann schloss sich die Tür des Lifts, und Butt musste weitererzählen, wie er als Torhüter den Elfmeter verwandelt hatte. Und das in solch einem Spiel: 4:1 bei Juventus Turin. „Das haben wir früher mit Oliver Kahn und unseren Superspielern nicht geschafft“, sagte Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge nach dem Triumph, der das kaum noch für möglich gehaltene Erreichen des Achtelfinals in der Champions League bedeutete. Rummenigge glühte: „Es war eine magische Nacht, ein historisches Ereignis.“

Man suchte nach einem vergleichbaren Vorkommnis in den vergangenen Jahren – und fand seit dem Gewinn der Champions League 2001 eigentlich nichts. „Vielleicht Getafe“, sagte Mark van Bommel. Das 4:3 im Uefa-Cup-Viertelfinale 2008 war sicher verrückter – doch Getafe hat nicht die Bedeutung und Klasse Juventus Turins. Und dieses (einstmals) große Juve wurde von den Bayern – allen voran von den überragenden Ivica Olic und Bastian Schweinsteiger – vorgeführt.

Ihren Beginn hatte die magische Nacht aber viel früher genommen, in einer dunklen Stunde. „Vor drei Wochen hatten wir eine dramatische Situation“, erinnerte sich Butt. Das Aus in der Champions League schien sicher, auch in der Bundesliga sah es düsterer aus als heute, und Louis van Gaal war ein Trainer, der die Mannschaft nicht voranzubringen, sie mit seiner Autokratie zu lähmen schien. Es war fünf Minuten vor Trainerentlassung – auch wenn dies nun, nach Erreichen des Achtelfinals der Champions League selbstredend heftig dementiert wird. „Wir hatten nie Unstimmigkeiten. Unruhe kommt nur von außen“, behauptete Rummenigge.

Der Anstoß zum Um- und Aufschwung kam wohl von den Spielern. „Die Mannschaft hat sich zusammengerissen, wir haben die Probleme intern gelöst“ – so sieht es van Bommel, und so sehen es die anderen. Ein wichtiges Ereignis sei die Jahreshauptversammlung vor eineinhalb Wochen gewesen, betonte van Bommel. „Rummenigge und Beckenbauer haben da sehr gut geredet, haben nicht nur uns Spielern, sondern auch den Fans nahegebracht, was Bayern für ein Verein ist. Das war ein Zeichen nach innen und außen.“ Entstanden ist eine neue Harmonie, die offenbar bis zu den Ersatzspielern reichte, eigentlich das Sammelbecken der Unzufriedenen. „Auch die Bank hat heute mehr mitgefiebert als sonst“, bemerkte van Bommel in Turin. Das ist den Reservisten insofern hoch anzurechnen, da sich beim FC Bayern eine Stammelf gefunden hat, für die derzeit nur der genesene Arjen Robben und demnächst auch Franck Ribéry einen Anspruch anmelden können.

Erstaunlich war in Turin auch, dass die Bayern den Mut nicht sinken ließen zur Halbzeit, als es trotz herausragender Leistung nach Juves Führungstor durch David Trezeguet und Butts Ausgleich per Elfmeter nur 1:1 stand. „Wenn du überlegen bist, aber nicht führst, wird die zweite Hälfte meistens schlechter“, sagte van Bommel. Doch der Frust hatte genauso wenig eine Chance wie Juventus. Van Gaal sagte in der Kabine nur: „Super, super, einfach weiter so.“ Und das taten die Bayern: Sie boten das fast perfekte Spiel. Gomez brachte die Sache auf den Punkt: „Die Qualität ist bei uns absolut da, man muss es sich nur zutrauen, und das geht nur, wenn man die Ergebnisse hat. Jetzt sind sie da und wir auf einem guten Weg.“

Auch der gefeierte Torhüter glaubt, dass das 4:1 von Turin eine Signalwirkung für die Bundesliga haben wird. Und Rummenigge forderte seine Mannschaft kurz nach Mitternacht auf, ähnlich wie in Turin auch die vier Punkte Rückstand in der heimischen Liga anzugehen. „Die anderen da vorne sollen wissen, dass der FC Bayern jetzt wirklich mit Volldampf kommt.“ Die Botschaft kam an, denn dass das Spiel am Samstag beim VfL Bochum vielleicht schwieriger werden kann als das in Turin, da waren sich alle einig. Allen voran Louis van Gaal. „Turin war ein Endspiel, Bochum ist keines.“ So war der Coach am Tag danach schon wieder ernst und konzentriert. „Euphorisch bin ich bei Toren, aber nie am Tag nach einem Spiel“, sagte er. Nicht mal nach diesem.

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