40. Berlin-Marathon : Geistesblitz bei Kilometer zwölf

Eine Studie sagt: Laufen ist gut für den Kopf. Ist das so? Arbeit, Zwischenzeiten, Schmerzen: Woran Marathonläufer denken.

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Was ihnen wohl durch den Kopf geht? Läufer beim 40. Berlin-Marathon.
Was ihnen wohl durch den Kopf geht? Läufer beim 40. Berlin-Marathon.Foto: Reuters

Es könnte ein neues Spiel für die Zuschauer am Streckenrand des Berlin-Marathons sein: Gedankenlesen. Was geht einem Läufer eigentlich durch den Kopf? Konzentriert er sich gerade auf seinen Rhythmus oder beschäftigt er sich mit seinen Schmerzen? Ist er gerade mit seinen Gedanken gar nicht auf der Strecke, sondern irgendwo anders? Auch der japanische Schriftsteller und Freizeit-Marathonläufer Haruki Murakami hat sich schon diese Fragen gestellt und in seinem Buch „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ geschrieben: „Überall auf der Welt haben die Mienen der Langstreckenläufer eine gewisse Ähnlichkeit. Sie scheinen über etwas nachzudenken. Vielleicht denken sie ja auch an gar nichts und sehen nur so versunken aus.“

In den mehreren Stunden Marathon können auch die Gedanken heftig in Bewegung kommen. Der kenianische Favorit beim Berlin-Marathon Wilson Kipsang sagt: „In einem Rennen denke ich permanent darüber nach, wie ich mich fühle, wie das Tempo und die Zwischenzeiten sind, wie weit es noch bis zum Ziel ist.“ Und die deutsche Rekordhalterin Irina Mikitenko sagt: „Es kostet einfach sehr viel Energie, über das Rennen und das Tempo nachzudenken. Ich träume bei einem Marathon davon, erst bei Kilometer 35 aufzuwachen und vorher gar nichts zu denken.“

Dass Laufen den Kopf befreit, diese Erfahrung haben unzählige Läufer gemacht. Es kann sogar zur größtmöglichen gedanklichen Leistung kommen, dem Geistesblitz. Der ist jedoch eher im Training zu erwarten als im Wettkampf. „Wichtige Voraussetzung ist, dass man im Sauerstoffüberschuss läuft, ein Großteil der Läufer hetzt aber im Training leider“, sagt Herbert Steffny, der als Marathonläufer Dritter in New York und bei der Europameisterschaft wurde und heute Trainer und Buchautor ist. Ohne große Erwartungen loszulaufen, sei ebenfalls eine gute Voraussetzung. „Ich strukturiere beim Laufen manchmal meine Bücher, ohne dass ich mir etwas vorgenommen habe“, sagt Steffny. Und um ganz mit sich allein zu sein, laufe er ohne Musik auf den Ohren.

Mit Flix zum Berlin-Marathon
Wie alles anfing: Flix' erster Strip über den Weg zum Marathon erschien am 25. November 2010 auf seiner Website.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: Flix
28.09.2013 17:09Wie alles anfing: Flix' erster Strip über den Weg zum Marathon erschien am 25. November 2010 auf seiner Website.

Denn das Laufen wirkt selbst wie Musik, findet Steffny. „Der Atem, der Herzschlag, das Schwingen der Arme und das Trommeln der Beine sind der Rhythmus und die Gedanken sind dann das Gitarrensolo.“ Langstreckenlaufen ist zwar zeitaufwendig, aber mit diesen Effekten auch sehr sinnvoll. „Laufen ist keine vertane Zeit“, sagt Steffny, „ich selbst nutze Laufen als positive Flucht.“ Wenn die Arbeit zu viel werde oder eine besonders unangenehme Aufgabe anstehe, helfe ein Lauf zur Verbesserung der Laune, anschließend falle alles leichter.

Warum das so ist, lässt sich auch wissenschaftlich belegen. Der Ulmer Wissenschaftler Ralf Reinhardt hat mit Kollegen in einer viel zitierten Studie die Effekte des Laufens nachgewiesen. Regelmäßiges Training erhöht die Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung. Denn es kommt zur vermehrten Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin. Wenn an Depressionen Erkrankte regelmäßig laufen, hebe sich ihr Wohlbefinden auf das Niveau eines Gesunden. Und wenn Gesunde laufen, steigere sich ihr Wohlbefinden noch einmal. „Wir sind evolutionär dazu gemacht, uns zu bewegen“, sagt Reinhardt.

Wissenschaftlich nachzuweisen, dass Laufen zu einem besonders guten Einfall führe, sei jedoch schwer bis unmöglich, sagt Reinhardt. „Wir haben chronische Effekte des Laufens gemessen, dafür müsste man aber akute Effekte im Kopf messen.“ Möglich wäre das wohl nur, wenn man ein mobiles MRT-Gerät erfinden würde, mit dem sich die Aktivitäten im Gehirn während des Laufens messen ließen. Die einzige Erklärung, die Reinhardt für den freien Gedankenfluss beim Laufen hat, ist diese: „Das Gehirn wird beim Laufen einfach besser durchblutet und mit Sauerstoff versorgt.“

Der Schriftsteller Thomas Pletzinger beschäftigt sich beruflich und privat mit dem Laufen. Gerade bereitet er sich auf seinen fünften Marathon Ende Oktober in Frankfurt vor, sein nächster Roman handelt von der Lebensgeschichte eines Läufers. Der 37-Jährige läuft zurzeit fünf bis sechs Mal die Woche zwischen zehn und dreißig Kilometer. Er braucht die Bewegung, um auch seine Gedanken auf Trab zu bringen. „Beim Laufen schneidet man sich eine Zeit aus dem Tag, die keine andere Funktion hat als das Laufen und Denken. Kein Telefon, kein Computer, niemand zum Reden, Nichts zu erledigen“, sagt er. „Das fordert Ideen heraus.“

Pletzinger spricht von „psychischen und gedanklichen Aufräum- und Sortierarbeiten“, die er sogar wichtiger findet als das Streben nach körperlicher Fitness, die seien vielmehr ein „grandioser Nebeneffekt“. Für seine Arbeit sei das beinahe tägliche Laufritual von unschätzbarem Wert: „Das größte Glück beim Laufen ist, wenn sich die Dinge fügen und unverhoffte Lösungen für Probleme beim Schreiben auftauchen.“ Gute Ideen hat der Schriftsteller „zuverlässig zwischen Kilometer drei und zwölf“, danach wird es schwieriger. „Wenn du auf Kilometer 30 zuläufst, dann hast du keine Ideen mehr“, sagt Thomas Pletzinger. „Dann hast du Schmerzen.“

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