400-Meter-Lauf : I can boogie

Sanya Richards, die ungekrönte Hochadlige des 400-Meter-Laufs, hat endlich einen großen Titel gewonnen – das feierte sie mit einem Tänzchen.

Friedhard Teuffel
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Gold statt Geld. Sanya RichardsDDP

Für den Dienstagabend hatte sich Sanya Richards ein schönes Ausgehprogramm vorgenommen: eine Runde laufen und eine Runde tanzen. Erst wollte sie die Schnellste sein beim Umrunden des Rasens im Olympiastadion und dann im Ziel zeigen, wie gut es sich doch feiern lässt mit Spikes unter den Sohlen. „Ich habe meiner Cousine und meiner Schwester vorher gesagt, dass ich tanzen werde, wenn ich gewinne“, erzählte Richards. Weil ihre Laufschritte auch wirklich so schnell waren, dass ihr über 400 Meter niemand folgen konnte, hängte sie wie geplant ein paar Tanzschritte dran, den „Dallas Boogie“. „Ich hoffe, dass jetzt Leute auf der ganzen Welt den Dallas Boogie tanzen“, sagte sie und lachte.

Der Dallas Boogie wird es schwer haben, so bekannt zu werden wie Sanya Richards. Sie ist seit 2005 die schnellste 400-Meter-Läuferin der Welt. Nur dass sie immer dann ein bisschen langsamer war, wenn gerade wichtige Medaillen ausgelobt waren. Bei der WM 2005 in Helsinki wurde sie Zweite, bei den Olympischen Spielen in Peking Dritte, und für die WM 2007 hatte sie sich über die Stadionrunde gar nicht qualifiziert. Gold aus dem Jackpot der Golden League hatte sie dafür schon genug gewonnen, und Sponsoren überweisen ihr gerne Geld, um mit ihr zu werben, weil sie meist einen fröhlichen und höflichen Auftritt hinlegt. So lief sie als reiche ungekrönte Hochadlige über die Bahnen dieser Welt. Ihre Bekanntheit wurde noch größer, als ihr der Footballspieler der New York Giants, Aaron Ross, im Giants-Stadium vor den Augen und Ohren aller Besucher einen Heiratsantrag machte.

Mit 24 noch keinen großen Titel gewonnen zu haben, ist keine Tragik, aber ihre Sehnsucht danach wurde immer stärker. Sie hätte gerne etwas eingetauscht von ihren Goldbarren der Golden League gegen eine Goldmedaille. Oder einen Rekord hergegeben für einen Sieg. Sie ist schließlich die Läuferin, die am häufigsten unter 50 Sekunden geblieben ist, seit Dienstag 38 Mal. Zwei Mal mehr als die Rostockerin Marita Koch, im Olympiastadion drehte Richards die Runde diesmal in 49,00 Sekunden, so schnell wie noch niemand in diesem Jahr.

Seit Dienstagabend hat nun also auch Sanya Richards ihre Goldmedaille, sie hat sie erst tanzend gefeiert und später hüpfend auf dem Siegerpodest in Empfang genommen. Die Erleichterung ist bei ihr wohl auch deshalb so groß, weil sie an einer seltenen Krankheit leidet, eine Immundefekt-Krankheit, die Entzündungen im Körper hervorruft. „Sie tritt vor allem dann auf, wenn ich gerade Stress habe“, sagt sie.

Stress wird sie sich genug gemacht haben, um ihren ersten Einzeltitel bei einer WM zu erreichen. „Ich hatte bisher meine Schwierigkeiten, mit dem Druck umzugehen“, sagt sie. Aber sie sei an ihrem großen Ziel drangeblieben. Mit Clyde Hart, der auch 400-Meter-Weltmeister Jeremy Wariner trainiert und sich vorher auch um Michael Johnson gekümmert hatte, den Weltrekordhalter, habe sie weiter das bewährte Programm umgesetzt, und all die verpassten Chancen hätten sie zu einer besseren Athletin gemacht.

Sie ließ sich nicht beeindrucken von der Möglichkeit, die Britin Christine Ohuruogu, Weltmeisterin und Olympiasiegerin, könnte noch einmal aufdrehen, nachdem sie die ganze Saison hinter ihrer Form hergerannt war. Sanya Richards lief einfach durch zum Sieg, „das bedeutet mir die Welt“, sagt sie. In Berlin hat sie mit ihrer Familie gefeiert, ihre Mutter reist ohnehin gerne mit ihr herum. Mit ihrer Familie war Sanya Richards auch von Jamaika nach Amerika ausgewandert, als sie zwölf war. Beide Länder duellieren sich auch auf der blauen Bahn des Olympiastadions auf mehreren Strecken, die Zweitplatzierte im 400-Meter-Rennen kommt aus Jamaika, Shericka Williams.

Auf dem Trainingsplatz in Berlin hat Sanya Richards jedoch mit einem Jamaikaner zusammen geübt – Tanzen. Sogar ein Video hat sie davon drehen lassen, wie ihr der Sprint-Weltrekordhalter Usain Bolt ein paar Schritte zeigt. Laufen und Tanzen, das sind nun für Sanya Richards die beiden Seiten ihrer Goldmedaille.

Sie leidet an einer Krankheit: Sie bekommt Entzündungen, wenn sie Stress hat

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