50 Jahre Union Berlin : Union Berlin ist aus Prinzip anders

Der Berliner Zweitligist verweigert sich traditionell dem Mainstream – und ist als Außenseiter zur erfolgreichen Marke geworden.

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Nina Hagen singt die Hymne des 1. FC Union.
Nina Hagen singt die Hymne des 1. FC Union.Foto: picture alliance / dpa

Im Inneren der Alten Försterei ist dieser Tage eine Sonderausstellung zu sehen: 50 Jahre 1. FC Union Berlin, mit allerhand Pokalen, Medaillen, Urkunden und alten Fotos. Wobei das mit den Pokalen eine eher übersichtliche Angelegenheit ist. Ohne den Sieg des FDGB-Pokals 1968 unterschlagen zu wollen – viel gewonnen haben die Köpenicker nie. Aber darum geht es für die meisten Anhänger auch nicht. Nicht bei diesem, ihrem Fußballklub.

Zu Union gehen die Kuttenträger, hieß es

Für sie gehört die Außenseiterrolle zum Union-Gefühl. Das hat Tradition. Zu DDR-Zeiten waren die Berliner der einzige staatlich geförderte Fußballklub, der zwischen erster und zweiter Spielklasse pendelte und sich nie dauerhaft in der Oberliga etablieren konnte. Stadtrivale BFC Dynamo wurde von der politischen Führung besonders protegiert, was unter den Unionern ein Gefühl der Ohnmacht aufkommen ließ. Die besten Spieler landeten in Hohenschönhausen und unten in Köpenick entstand eine Wir-gegen-den-Rest-Haltung. Getragen von einem Publikum, zu dem unter anderem Abweichler, Andersdenkende, kurz Dissidenten zählten. Zu Union gehen die Kuttenträger, die Langhaarigen, hieß es. „Wir hatten immer ein breites Publikum, da waren alle möglichen Typen dabei. Mit dem Ergebnis, dass die Stimmung auch früher schon grandios war“, sagt Joachim Sigusch, der von 1970 bis 1981für den 1. FC Union 301 Pflichtspiele bestritt. Der langjährige Kapitän wird am Mittwoch auch im Berliner Velodrom anwesend sein, wenn Union vor 5000 Gästen sein 50-jähriges Jubiläum begeht, inklusive Zeitreise durch die Vereinsgeschichte.

Eine gefälschte Bankbürgschaft verhinderte den Aufstieg

Turbulent wurde es nach dem Mauerfall. Das Gefühl der Benachteiligung blieb und verstärkte sich, als Union Anfang der neunziger Jahre der sichergeglaubte Aufstieg in die Zweite Liga durch den Deutschen Fußball-Bund untersagt wurde. Die damalige Klubführung hatte eine gefälschte Bankbürgschaft aufgetrieben. Union, das war auch immer ein bisschen Chaos. Gerade in den Nachwendejahren. Erst im Jahr 2001 gelang der lang ersehnte Aufstieg, nur vier Jahre später folgte der Absturz in die vierte Liga. Finanziell drohte das Aus, ehe Dirk Zingler als Präsident übernahm und den Verein zurück in den Profifußball führte.

Ihre Außenseiterrolle haben die Köpenicker längst zur Marke und damit zur Einnahmequelle gemacht. Union ist anders, lautet die werberelevante Botschaft, Fußball ohne viel Schnickschnack – so wie früher. In der Halbzeitpause läuft Indierock, kein Rummeltechno, anstatt bierselige Unterhaltungsspielchen zu veranstalten, liest der Stadionsprecher Nachrufe auf jüngst verstorbene Fans vor. Alles echt, alles authentisch, auch wenn unter den Zuschauern einige sind, die nicht nur ihre Mannschaft unterstützen, sondern gerade auswärts auch mal Ärger machen wollen.

"Ist ja wie früher bei uns", sagen Briten

Bei Fußballtouristen aus aller Welt erfreut sich die Alte Försterei großer Beliebtheit, gerade englische Besucher schätzen das Ambiente. „Ist wie bei uns vor 30 Jahren“, sagte neulich einer und meinte: Stimmung und Stehplätze, alles bezahlbar. So mischen sich vor Spielen in das Stimmengewirr rund um die Wuhlheide immer mehr fremde Klänge. Touristen und Zugezogene strömen in die Alte Försterei und gesellen sich auf den Rängen zu den Alteingesessenen. Die Neuen helfen, das Stadion jedes Mal wieder zu füllen. Rund 20 000 Zuschauer strömen in dieser Saison im Schnitt in die Alte Försterei. Ein Spitzenwert bei einer Kapazität von 22 000 Plätzen. Längst arbeiten die Verantwortlichen im Hintergrund an einem möglichen Ausbau. Union ist in der Moderne angekommen – im Gegenteil zu vielen anderen Klubs aus der ehemaligen DDR.

Union stellt sich gern quer

Das Image der Mainstreamsaboteure pflegen die Verantwortlichen um Präsident Dirk Zingler geschickt. Gern weichen sie vom Konsens ab, wenn Deutschlands Profiklubs über eine gemeinsame Richtung diskutieren. Beim Thema Stadionsicherheit lehnte Union vor drei Jahren als einziger Verein neben dem FC St. Pauli ein Konzept der Deutschen Fußball-Liga komplett ab. Als eine große Boulevard-Zeitung im Herbst eine Aktion zur symbolischen Unterstützung von Flüchtlingen startete, machten die Berliner nicht mit. Ihr Argument: Wir betätigen uns lieber praktisch. Der Verein stellt eine Immobilie als Flüchtlingsunterkunft zur Verfügung, die als Fanhaus genutzt werden sollte.

Sportlich ist der Aufstieg in die Bundesliga das große Ziel, in diesem Jahr wird er vermutlich aber noch nicht gelingen. „Insgesamt sehe ich den Verein auf dem richtigen Weg“, sagt Joachim Sigusch. Wann Union eine Liga höher spiele, sei nur eine Frage der Zeit.

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